»Wenn Eltern um die Sicherheit und Zukunft jüdischer Kinder in Europa bangen, ist das kein gutes Zeichen – weder für Juden noch für Europa.«

Günther Jikeli im Gespräch über die gegenwärtigen antisemitischen Ausschreitungen in Europa

Anna Blume / HUch! / Juedische.at / Hagalil.com

Juli 2014: Im österreichischen Bischofshofen muss ein Freundschaftsspiel zwischen dem französischen Erstligisten OSC Lille und dem israelischen Fußballverein Maccabi Haifa abgebrochen werden, nachdem ca. 20 junge Männer mit palästinensischen und türkischen Flaggen gewaltsam das Spielfeld stürmen. In Essen nimmt die Polizei zunächst 14 und eine Woche später nochmals vier Personen vorläufig fest, weil diese verdächtigt werden einen Anschlag auf die Alte Synagoge geplant zu haben. In Toulouse, Wuppertal und anderen Städten werden Brandanschläge auf jüdische Einrichtungen verübt, in Frankfurt am Main wird Mitgliedern der jüdischen Gemeinde mit Mord gedroht und in Gateshead im Nordosten Englands greifen vier Studenten einen Rabbi an. In Manchester wirft eine Gruppe junger Männer im jüdischen Viertel Eier und Dosen aus einem fahrenden Auto und schreit »Heil Hitler«. Auf pro-palästinensischen Demonstrationen in Paris und Berlin wird »Tod den Juden« und »Jude, Jude, feiges Schwein« offen skandiert und immer häufiger kommt es aus solchen Demonstrationen heraus zu gewaltsamen Übergriffen gegen Juden oder Menschen, die für solche gehalten werden.

Fast immer haben die Täter einen muslimischen Background, fast immer sind es junge Männer zwischen 15 und 35 Jahren. Welche Gemeinsamkeiten kannst Du bei diesen antisemitischen Ausschreitungen trotz der unterschiedlichen Migrationsgeschichten, ethnischen Hintergründe und landesspezifischen Einwanderungspolitiken in Deutschland, Österreich, Frankreich und Großbritannien ausmachen?

G.J.: Die Welle von offen antisemitischen Plakaten, Skandierungen und vereinzelt sogar tätlichen Angriffen gegen Juden, Synagogen und »jüdische Geschäfte« im Zuge der pro-Palästina Proteste im Sommer 2014 in vielen Städten Europas ist in dieser Dimension neu. Nicht ganz so neu, aber dennoch erschreckend ist, dass die »pro-Palästina« Demonstrationen sich meist als pro-Hamas und anti-Israel Demos entpuppten. Anmelder waren oft palästinensische Vereinigungen, islamistische Gruppierungen und Die Linke. Offener Hass gegen Juden wurde in der Tat häufig von Menschen mit muslimischem und insbesondere arabischem Hintergrund geäußert. »Allah Akbar!« wurde auf vielen dieser Demonstrationen zum Schlachtruf gegen Israel und gegen »die Juden«. Man sollte sich fragen, warum? Wer genau sind die Täter und warum machen sie das?
Das alte Bild von Juden als Kindermördern ist wirkmächtig und wirkt hier emotionalisierend. Damit der heutige Krieg zwischen Israel und der Hamas aber derart interpretiert wird, muss bereits ein entsprechendes Interpretationsschema, d.h. ein antisemitisches Weltbild vorhanden sein, auch wenn die einseitige Berichterstattung zum Nahostkonflikt diese Interpretation erleichtert oder sogar nahelegt. Die israelische Armee ist nicht gleichzusetzen mit »den Juden« und es ist nicht die israelische Armee, die vorsätzlich auf Zivilisten schießt, sondern die Hamas und das aus Wohngebieten, Krankenhäusern, Schulen und Moscheen. Ein antisemitisches Weltbild ist also bei vielen der Demo-Teilnehmer vorhanden. Einige sind beeinflusst von Islamisten, wie man an Fahnen (inkl. Hamas-Fahnen), den teilnehmenden Organisationen und »Allah Akbar« -Rufen unschwer erkennen kann. Dass es unter Islamisten viele Antisemiten gibt bzw. dass islamistische und antisemitische Ideologien eng zusammenhängen, sollte nicht wundern und ist empirisch belegt. Islamisten haben zudem noch ein starkes »Argument«, dass sie ungeniert nutzen: Bestimmte Koranverse rufen zur Feindschaft gegen Juden (und Christen sowie »Ungläubige«) auf. Bei einer wortwörtlichen Koranauslegung, die nach wie vor weit verbreitet ist, gilt das als Beweis, dass Gott die Juden verdammt. Der Erfolg und Einfluss der Islamisten auch in Europa ist sicherlich einer der Gründe, weshalb in Umfragen Menschen, die sich als Muslime definieren, wesentlich häufiger antisemitischen Statements zustimmen als nicht-Muslime. Was natürlich nicht heisst, dass alle Muslime Antisemiten sind.

Welche Unterschiede sieht Du, beispielsweise hinsichtlich der Qualität der Ausschreitungen, der jeweiligen Reaktionen von staatlicher und zivilgesellschaftlicher, ja vielleicht sogar muslimischer Seite?

G.J.: Zu pogromartigen Stimmungen wie dies vereinzelt in Frankreich der Fall war, ist es in der Bundesrepublik zum Glück nicht gekommen. Die jüngsten Ereignisse haben aber dazu geführt, dass Pogrome auch in anderen Ländern Europas wieder vorstellbar werden. Der offene Antisemitismus, wie er sich im Juli bei den Demonstrationen oder gar bei den dschihadistischen Anschlägen in Brüssel im Mai 2014 im jüdischen Museum und in Toulouse im März 2012 in der jüdischen Schule gezeigt hat, wird zum Glück klar von Seiten der Politik, in den Medien und auch von einigen Repräsentanten muslimischer Communities verurteilt. Damit die antisemitische verbale und physische Gewalt nicht weiter ansteigt, muss jetzt allerdings mehr getan werden. Sicherheitsmaßnahmen müssen verbessert werden, Antisemitismus in jeglicher Form einschließlich des Antizionismus muss geächtet werden und Aufklärung und Bildung müssen so ausgerichtet werden, dass sie antisemitischen Welterklärungen vorbeugen. Außerdem müssen die Täter und der Zusammenhang zum Islamismus klar benannt werden. Das jedoch scheint Tabuthema zu sein. Der Psychoanalytiker Daniel Sibony spricht hier von einem narzisstischen Schuldgefühl als Ursache. In der »Postmoderne« und im »Postkolonialismus« sozialisierte Menschen meinen Schuld zu sein am heutigen Zustand muslimischer Gesellschaften und damit auch verantwortlich für die Lösung der dortigen Probleme. Diese narzisstische Überheblichkeit in westlichen Gesellschaften erschwert, eben weil sie laut Sibony Kritik am Islam zum Tabu erklärt, eine Auseinandersetzung von Muslimen mit fundamentalen Problemen muslimisch geprägter Gesellschaften, beispielsweise wie mit problematischen Textstellen in der heutigen Gesellschaft umgegangen werden soll, die als heilig gelten.

Nun sind muslimische Jungendliche und junge Erwachsene nicht die Einzigen, die sich antisemitisch äußern und antisemitische Straftaten begehen. Zugleich jedoch werden überdurchschnittliche viele und oft auch besonders gewalttätige Übergriffe von diesen begangen und dies auch nicht erst seit ein paar Wochen. Man denke beispielsweise an die brutale Folter und den Mord an Ilan Halimi in Paris 2006, an die Angriffe auf eine jüdische Tanzgruppe bei einem Hannoverschen Stadtfest 2010 oder die Anschlagsserie in Midi-Pyrénées 2012, bei der drei kleine Kinder und ein Lehrer einer jüdischen Schule erschossen wurden. Was ist das Spezifische am muslimischen Antisemitismus?

G.J.: Man muss hier unterscheiden zwischen Dschihadisten, die aus einer islamistisch-antisemitischen Motivation heraus Terroranschläge planen und ausführen und gewaltbereiten Jugendlichen, die von dieser Ideologie angezogen, beeinflusst und angestachelt sich im Mob oder auch allein auf der Straße stark genug fühlen, ihre Ressentiments gegen Juden auszuleben. Wie Du sagst, sind es längst nicht nur Menschen mit muslimischem Hintergrund, die sich antisemitisch äußern. Nach wie vor geht antisemitische Gewalt in Deutschland von Nazis und anderen Rechtsextremen, aber auch von Linken aus. Verbale Gewalt kommt aus allen Schichten und politischen Lagern. Die Ursachen sind vielfältig, bei Muslimen wie bei nicht-Muslimen. Dazu gehören Projektionen, vereinfachende Welterklärungen, autoritäre Strukturen und durch Kultur und Sprache tradierte Stereotype. Das Spezielle, das beim muslimischen Antisemitismus hinzukommt, ist der Bezug auf »den Islam« – identitär, theologisch, mit Fragmenten heiliger Schriften und auf die Geschichte des Islams bezogen. Am ersichtlichsten ist die Begründung von Judenfeindschaft mit bestimmten Koranstellen oder den im Islam ebenfalls heiligen Hadithen, Erzählungen über das Leben Mohammeds. In der Geschichte, angefangen mit den Eroberungen Mohammeds, gab es zahlreiche Beispiele der Unterdrückung und des Massenmords an Juden. Eine systematische Unterdrückung von Juden in muslimischen Ländern fand über Jahrhunderte statt – auch wenn Pogrome wesentlich seltener waren als im christlichen Mittelalter. Juden (und Christen) wurden als Menschen zweiter Klasse, behandelt d.h. mit anderen Rechten und Pflichten versehen als Muslime. Dies alles hat sich bei einigen dazu verfestigt anzunehmen, dass Juden prinzipiell Feinde der Muslime seien. Bei einer starken Identifizierung mit dem Kollektiv »der Muslime« führt das dann zu einer Übernahme dieser Vorstellung: »Juden sind meine Feinde.« Anlässe wie der Nahostkonflikt werden dann hierbei als Bestätigung gesehen.

Welche Rolle spielt das jeweilige soziale Umfeld für diesen? Ich denke da an muslimische Communities, Moscheeverbände, bestimmte Imame, Jugendclubs und andere soziale Einrichtungen… Natürlich aber auch an Satellitensender wie den Hisbollah nahen Al-Manar.

G.J.: Viele Moscheeverbände in Deutschland sind offiziell »gegen Antisemitismus«, was nicht heisst, dass man beispielsweise in ihren Buchläden keine antisemitischen Schriften findet. Hinzu kommt, dass die allerwenigsten bereit sind, antisemitische Vorstellungen ihrer Gemeindemitglieder zu kritisieren oder gar judenfeindliche Texte im Koran und anderen heiligen Schriften kritisch zu interpretieren. Der Antizionismus dient nach wie vor oft als Deckmantel für Antisemitismus, ebenso wie eine Parallelisierung von so genannter »Islamophobie« und Antisemitismus. Eine Ausnahme bilden oft alevitische Verbände mit einer sehr liberalen Koranauslegung. Bei dem in vielen Bundesländern jetzt sukzessive eingeführten Islamunterricht sollte sehr genau hingeschaut werden, welches Bild vom Islam vermittelt wird. Problematische Textstellen müssen angesprochen und kontextualisiert werden, ansonsten sind Islamisten glaubwürdiger, die auf diese Textstellen als Wort Gottes pochen. Wesentlich relevanter für die Verbreitung antisemitischer Vorstellungen ist aber das soziale Umfeld, Freunde und Familienmitglieder. Leider konnte in soziologischen Studien festgestellt werden, dass sich in bestimmten sozialen Kreisen eine antisemitische Norm gebildet hat, d.h. Judenfeindschaft wird als normal angesehen und jemand der oder die sich gegen Antisemitismus ausspricht oder negativen Vorstellungen über Juden widerspricht, bildet eine Ausnahme. Antisemitismus als Norm schlägt sich auch in der Sprache nieder, beispielsweise in der Verwendung von »Jude« als Schimpfwort. Diese selbstverständliche Ablehnung alles Jüdischen findet sich nicht nur unter Menschen mit muslimischem Hintergrund, aber eben auch. Eine Zustimmung zu antisemitischen Statements ist unter Muslimen wesentlich häufiger zu finden, als unter nicht-Muslimen, wie zahlreiche Studien auch unter Berücksichtigung von Faktoren wie sozialer Schicht, Bildung, Migration, etc. belegen. In islamistischen Organisationen nahestehenden arabischen und türkischen Medien inkl. der Filmindustrie, ist Antisemitismus zudem keine Seltenheit und trägt ebenfalls zu dessen Verfestigung bei.

In der wissenschaftlichen Forschung werden die aktuellen Vorfälle häufig heruntergespielt. So sehen einige Antisemitismusforscher beispielsweise weder eine Veränderung des Antisemitismus noch ein lawinenartiges Anwachsen in Deutschland. Zugleich jedoch liest man von tausenden französischen Juden, die lieber »lieber in Israel im Bunker als am Boulevard in Paris« (1) leben und von deutschen Juden, für die »(…) nicht mehr viel (fehlt), bis wir das Gefühl bekommen werden, es wäre besser unsere Koffer zu packen.« (2) Wie beurteilst Du die aktuellen Entwicklungen? Kann man von einer neuen Qualität antisemitischer Gewalt sprechen und falls ja, welche Ursachen würdest Du für diese ausmachen?

G.J.: Die antisemitischen Vorfälle haben eine neue Dimension erreicht, spätestens mit dem Terroranschlag auf die jüdische Schule in Toulouse. Die Auswirkungen auf jüdische Communities in ganz Europa sind erheblich. Bis zu dem Anschlag haben sich viele Eltern gesagt: »Wenn der Antisemitismus in den öffentlichen Schulen zu stark wird, können wir unsere Kinder ja auf eine jüdische Schule schicken, dort sind sie sicher.« (Der zunehmende Antisemitismus war in vielen Fällen in Deutschland und Frankreich ein Grund, weshalb die Anmeldungen in jüdischen Schulen stark stiegen.) Dieses Gefühl der Sicherheit in jüdischen Einrichtungen ist nun nicht mehr der Fall, auch wenn die Sicherheitsvorkehrungen verschärft werden. (3) Wenn Eltern um die Sicherheit und Zukunft jüdischer Kinder in Europa bangen, ist das kein gutes Zeichen – weder für Juden noch für Europa. Der Anschlag in Brüssel auf das jüdische Museum, ein europaweiter Anstieg antisemitischer Gewalt in den letzten 15 Jahren und jetzt der offene und in Gewalt umgesetzte Antisemitismus auf der Straße in zahlreichen Städten verstärkt dieses Unsicherheitsgefühl.

Oftmals wird muslimischer Antisemitismus mit Verweis auf die Diskriminierungserfahrungen der Täter oder den »Nahostkonflikt« und einer angenommenen Identifizierung mit den Palästinensern entschuldigt oder aber aus Angst davor, Diskriminierungen zu schüren, erst gar nicht thematisiert. Gelegentlich werden sogar antisemitische Übergriffe nicht zu Anzeige gebracht, weil die Opfer die strafrechtlichen Konsequenzen für den Täter fürchten. Wäre es statt dieses Paternalismus‘ nicht angebrachter muslimische Antisemiten ernst zu nehmen, sowohl mit dem was sie sagen und tun als auch als Subjekte, die weder als Antisemiten geboren noch dazu verdammt sind, solche zu bleiben? Und hätte nicht hier genau wissenschaftliche Forschung wie auch soziale Arbeit anzusetzen?

G.J.: Dem kann ich so nur zustimmen. Es fällt nach wie vor vielen schwer, darunter auch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, zu sehen, dass es tatsächlich auch heute noch Antisemiten gibt. Die können trotzdem sympathische Seiten und selbstverständlich auch ihre eigenen Probleme haben. Wenn jemand aber Juden beschimpft oder deren Tod wünscht, denn darauf darauf läuft der moderne Antisemitismus hinaus, dann sollte man das ernst nehmen und nicht reflexartig nach Entschuldigungen suchen.

Vielen Dank für das Interview.

Günther Jikeli ist Fellow am Centre nationale de la recherche scientifique, Paris, sowie am Moses Mendelssohn Zentrum in Potsdam. Er ist Autor von »Antisemitismus und Diskriminierungswahrnehmungen junger Muslime in Europa« (Klartext 2012) und Mitherausgeber von »Umstrittene Geschichte – Ansichten zum Holocaust unter Muslimen im internationalen Vergleich« (Campus 2013).

Fußnoten
(1) www.spiegel.de.
(2) www.rp-online.de.
(3) Dies belegt sehr deutlich eine Umfrage im Auftrag der Fundamental Right Agency der EU vom November 2013, www.fra.europa.eu.

„Black and white isn’t grey“

Anna Blume / Hagalil

Seit Ende des letzten Jahrtausends gibt es ein großes Interesse in Deutschland an Filmen über das Leben in der ehemaligen DDR. Die Erfolge von ‚Sonnenallee‘ (1998), ‚Good Bye Lenin‘ (2003) und ‚Das Leben der Anderen‘ (2005) sprechen für sich. Während die ersten beiden Filme durch eine romantisierte Darstellung der DDR in nicht geringem Maße zur ‚weißen‘ Ostalgie-Welle beitrugen, widmet sich letzterer der alltäglichen Überwachung durch die Stasi und damit der eher ’schwarzen‘ Seiten der DDR…

Obwohl diese Filme unterschiedlicher wohl kaum sein könnten, haben sie eins gemeinsam: sie alle waren mehr oder minder erfolgreich. Ganz anders ergeht es da den sogenannten ‚grauen‘ DEFA-Filmen. Sie sind eher ein Randphänomen, für das sich FilmhistorikerInnen und WissenschaftlerInnen außerhalb Deutschlands interessieren.

So fand vom 11. bis 26. November letzten Jahres eben nicht in Berlin, Hamburg oder München eine „Black and White isn’t grey“ Film-Retrospektive statt, sondern in den Kinos von Tel Aviv, Jerusalem und Haifa. Die Idee dafür hatte Ralf Dittrich, Kurator der DEFA-Retro, bereits Ende der 90er Jahre, als er in Tel Aviv Film studierte. Damals habe er festgestellt, dass viele Israelis kaum Wissen über die DDR, jedoch ein großes Interesse an ihr haben.

„Geh doch mal ins Kino, da verfliegt die Wut“ (1)

Dass diese Retrospektive nicht einfach nur DDR-Filme zeigen, sondern vor allem einen Einblick in das Leben im Osten geben wollte, wurde spätestens bei der Eröffnungsveranstaltung deutlich. So kamen die etwa 250 Besucher schon vor der offiziellen Eröffnung durch Ralf Dittrich in den Genuss von Manfred Krugs „Auf der Sonnenseite“, welches vom Band abgespielt wurden. Aber auch im Laufe der DEFA-Retro waren immer mal wieder Regisseure und Schauspieler wie Wolfgang Kohlhaase, Peter Kahane und Jutta Hoffmann als Gäste zu den Filmvorführungen geladen. Inhaltlich ergänzt wurde dies durch Vorträge in den jeweiligen Städten, wie beispielsweise die in Haifa von Julia Anspach für das Bucerius Institute organisierte Vortragsreihe zu „Film und Gesellschaft in Ostdeutschland“.

„Watching this DEFA film is like traveling in a timetunnel“ (2)

Im April 1945 wurden die alten Ufa Studios in Potsdam-Babelsberg und Berlin-Tempelhof von der Roten Armee besetzt. Nach der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht am 7. und 9. Mai desselben Jahres wurden durch das Military Government Law No. 191 weitere Filmproduktionen vorerst verboten. Etwa zwei Monate später wurde das Filmvermögen der Ufa-Film GmbH beschlagnahmt (Military Government Law No. 52) und jegliches Engagement in der Filmbranche unter Lizenz gestellt. (3)

Im Mai 1946 wurde in Potsdam-Babelsberg die Deutsche Film-AG (DEFA) gegründet. Der Leiter des Informationsamtes der SBZ, Oberst Sergej Tjulpanow, überreichte an Karl Hans Bergmann, Hans Klering, Alfred Lindemann, Kurt Maetzig und Willy Schiller die Lizenz für die „Herstellung von Filmen aller Kategorie“, nicht jedoch für deren Vertrieb. Ziel der DEFA war es, „in Deutschland die Demokratie zu restaurieren, die deutschen Köpfe von Faschismus zu befreien und auch zu sozialistischen Bürgern erziehen.“ (4) Zudem sollte die Filmindustrie entnazifiziert werden, also von „reaktionären Elementen und von undemokratischer antihumanistischer Ideologie und deren Protagonisten befreit werden.“ (5)

Melancholischer Antifaschismus

Demzufolge war Antifaschismus ein Sujet, welches den DEFA Film bis zu seinem Ende Anfang der 90er kontinuierlich begleitete. Die DDR präsentierte sich in Abgrenzung zur ‚faschistischen‘ BRD als das andere, ‚antifaschistische‘ Deutschland. Antifaschismus besonders in Form des kommunistischen Widerstands war ein wesentlicher Bestandteil der nationalen Identität. Vor allen Dingen Ende der 50er und Anfang der 60er wurde im Vergleich zu Filmen aus der BRD die NS-Vergangenheit viel stärker thematisiert. Auch gibt es einige Filme, die deutlich jüdische Figuren in den Vordergrund rücken, berichtet der Filmwissenschaftler Tobias Ebbrecht (Potsdam). Zu den bekanntesten antifaschistischen Filmen gehören Frank Beyers Filme ‚Fünf Patronenhülsen‘ (1960) und ‚Nackt unter Wölfen‘ (1963), Konrad Wolfs ‚Ich war neunzehn‘ (1968) und ‚Mama ich lebe‘ (1976) sowie Heiner Carows ‚Die Russen kommen‘ (1968/1987).

Trotzdem sind Kontinuitäten zwischen Ufa und DEFA-Film zu benennen. So wurden DEFA-Filme nicht nur in den Ufa-Studios produziert, auch in der Wahl des Melodramas als Genre, der Opfer-Ästhetik und dem Personal (Regisseure, Kameraleute, Ausstatter, etc.) zeigen sich einige Gemeinsamkeiten zum nationalsozialistischen Ufa-Film, berichtet Sabine Hake (University of Texas at Austin) in ihrem Vortrag. Am bekanntesten ist wohl der Fall des Wolfgang Zeller der nicht nur Filmkomponist von ‚Jud Süß‘ (1940), sondern auch von ‚Ehe im Schatten‘ (1947) ist.

Zwischen Kriegsfilm, Western und Melodrama

Entgegen gängiger Klischees ist ein DEFA-Film weder zwangsläufig schwarz-weiß noch ein Kriegsfilm, so Johannes von Moltke (University of Michigan). Ganz im Gegenteil, das Genre des DEFA-Films reicht von Western wie ‚Die Söhne der großen Bärin‘ (1965) und ‚Apachen‘ (1973), über Science-Fiction à la ‚Der schweigende Stern‘ (1960), bis hin zu Musical- und Revuefilmen wie ‚Heißer Sommer‘ (1968). Selbstverständlich gab es auch Kriegsfilme wie ‚Fünf Patronenhülsen‘ (1960), aber eben nicht nur. Was jedoch alle diese Filme vereint, ist, dass sie von offizieller Seite zuallererst als ein politisches Forum zur Verbreitung der politischen Anschauungen der SED angesehen wurden. Dafür jedoch braucht es kein bestimmtes Genre.

„Hier wird überhaupt nichts verbessert, da könnt ja jeder kommen“ (6)

Im Laufe der knapp 50jährigen Geschichte des DEFA-Films entstanden circa 750 Feature Filme von denen lediglich 20 verboten wurde. Das entspricht etwa drei Prozent, was deutlich weniger ist, als man hätte erwarten können. Hierfür benennt der Filmhistoriker Ralf Schenk (Berlin) im Wesentlichen zwei Gründe: zum einen mussten einige Hürden überwunden werden bis ein Film überhaupt erst einmal gedreht werden konnte, so befand sich das Gros an finanziellen und technischen Mitteln in staatlicher Hand. Zum anderen erlagen viele Regisseure dem vorauseilenden Gehorsam und zensierten sich bzw. ihre Arbeit selbst.

Nach einer anfänglichen kurzen Phase, in der den Filmschaffenden viel Freiheit für die Experimentierfreude zugestanden wurde, entwickelte sich ab 1950 ein Zensursystem in dem fundamentale Kritiken am Realsozialismus nicht erlaubt waren. So war es im Besonderen verboten Polizei, Armee und Bildungssystem zu kritisieren.

1965 verschärfte sich die Situation, Kunst und somit auch der DEFA-Film wurden als Grundlage allen Übels in der DDR angesehen und beispielsweise für die Desillusionierung der Jugend verantwortlich gemacht. Das 11. Plenum des ZK der SED verbot die gesamte Filmproduktion des Jahres 1965. Weder FilmhistorikerInnen und FilmbuchautorInnen noch FilmstudentInnen durften diese – wie auch alle anderen verbotenen Filme – sehen. Es war ihnen zudem nicht gestattet, über sie oder aber über die Zensur zu schreiben. In Folge dessen lernten Filmemacher wie sie sich ausdrücken sollten, was nicht selten in Selbstzensur endete. Viele der verbotenen Filme durften 1990/1991 und damit zu spät für den Realsozialismus beendet und gezeigt werden.

Verboten – aber nicht zerstört

Zerstört wurde jedoch keiner der Filme. Dies lag zum einen daran, dass die DDR auch die Produktion dieser Filme bezahlt hatte. Zum anderen und vor allen Dingen aber galt die Aussage Heinrich Heines, dass „dort wo man Bücher [oder Filme, A.B.] verbrennt, […] man auch am Ende Menschen [verbrennt ]“ (7) nach Auschwitz mehr denn je. Daher verbot es sich für einen antifaschistischen Staat qua Selbstverständnis Kunst zu verbrennen. Und so konnten während der DEFA-Retrospektive auch ehemals verbotene Filme wie ‚Die Spur der Steine‘ (1966) gezeigt werden.

Keiner der Filme lag vor der DEFA-Retro mit Hebräischen Untertiteln vor, sodass diese extra hierfür hergestellt wurden. Dass sich dies mehr als nur gelohnt hat, belegten die gut gefüllten Kinosäle in Haifa, Tel Aviv und Jerusalem. Selbst die englisch- und damit fremdsprachigen Lectures erfreuten sich mit durchschnittlich 60 Besuchern großer Beliebtheit, sodass Julia Anspach und Ralf Dittrich sehr zufrieden mit dem Verlauf der Retrospektive sind. Noch bevor diese vorbei war, fing Ralf Dittrich schon an, das nächste Projekt zu organisieren. Im April und Mai wird es in Deutschland, so auch in Berlin rund um den 60. Jahrestag der Staatsgründung Israels eine Israel-Retrospektive geben. Dann bekommt das deutsche Publikum Gelegenheit, Klassiker des israelischen Kinos der 50er, 60er und 70er Jahre zu entdecken. Es werden zum größeren Teil Filme gezeigt, die man hierzulande bisher kaum zu sehen bekommen hat und für die das Israel-Film-Archive extra von den meisten Filmen neue 35-mm-Kopien anfertigt. Denn die wenigen vorhandenen Kopien sind seit Jahren kaum noch vorführbar.

Mit besten Dank an den Filmwissenschaftler Tobias Ebbrecht für die Geduld und den inhaltlichen Support. Der Artikel erschien bereits in der Januar-Ausgabe der HUch! – Zeitung der studentischen Selbstverwaltung.

Fussnoten
1 Manfred Krug: Auf der Sonnenseite.
2 so Martin Schröter, Kulturattaché der Deutschen Botschaft in Tel Aviv bei der Eröffnungsveranstaltung des Festivals in Haifa.
3 Gegen den Regisseur Veit Harlan wurde Anklage wegen seines antisemitischen Propagandafilms ‚Jud Süß‘ als Verbrechen gegen die Menschlichkeit erhoben. Auch wenn Harlan nach einigem hin und her zwischen Freispruch, Revision und Aufhebung des Freispruches letztendlich vom Landgericht Hamburg im April 1950 freigesprochen wurde, war es das erste Mal, dass eine derartige Anklage geführt wurde.
4 Zitiert nach http://de.wikipedia.org/wiki/DEFA.
5 Zitiert nach ebd.
6 aus dem DEFA-Film ‚Karla‘.
7 Heinrich Heine: Almansor.

Fremdverschulden nicht ausgeschlossen

Anna Blume / Hagalil

Ein Tod, der wahrscheinlich im Zusammenhang mit dem Schiller-Institut Lyndon LaRouches steht, beschäftigt das Bundesverfassungsgericht und den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte.

Vor etwas mehr als drei Jahren wurde der britische Student Jeremiah Duggan auf einer Bundesstraße in der Nähe von Wiesbaden tot aufgefunden. Nach Auffassung der Polizei wäre der 22-jährige in freiverantwortlicher suizidaler Absicht auf die Schnellstraße gerannt, hätte sich dort vor ein Auto geworfen und sei von einem weiteren überrollt worden. Dies habe zu seinem Tod geführt. Da der Ermittlungsführer der Polizei ein Fremdverschulden noch am Unfallort ausschloss, wurden keine weiteren Untersuchungen angestellt. Auch die von der Ärztin, welche zur Feststellung des Todes hinzugezogen wurde, empfohlene Obduktion, unterblieb. Die Staatsanwaltschaft stellte das Verfahren bereits zwei Monate später ein, obwohl die Mutter Jeremiahs, Erica Duggan, bereits sehr früh der Polizei erhebliche Zweifel an einem Selbstmord ihres Sohnes vortrug.

In den wenigen Tagen, die sich Jeremiah in Deutschland befand, nahm er erstmalig an einem Seminar des Schiller-Institutes in Wiesbaden teil. Das Schiller- Institut gehört zusammen mit der Partei Bürgerrechtsbewegung Solidarität (BüSo) und diversen Publikationen zu den deutschen Ablegern des La- Rouche Netzwerks, einer charismatischen Sekte die antisemitische und rechtsextreme Ideologien (1) vertritt.

Nur wenige Stunden vor seinem Tode erhielten seine Mutter und seine Lebensgefährtin Anrufe von ihm, in denen er sie verängstigt bat, ihn vom Seminar wegzuholen. Trotzdem wurden keine ernsthaften Ermittlungen bei Angehörigen des Schiller-Institutes und den TeilnehmerInnen des Seminars unternommen. Bis heute ist ungeklärt, was Jeremiah in den wenigen Tagen beim Schiller-Institut in Wiesbaden widerfahren ist, wie er am Morgen des 27. März 2003 auf die Bundesstraße bei Wiesbaden gelangte und was dort geschah.

Eins jedoch ist klar. So wie Polizei und Staatsanwaltschaft das Geschehen darstellen, war es nicht. Das belegen diverse deutsch- und englischsprachige Gutachten von Sachverständigen, die der Staatsanwaltschaft Wiesbaden und dem Oberlandesgericht Frankfurt am Main vorgelegt wurden. In diesen wird beispielsweise thematisiert, dass auf den Fotos von den beiden am angeblichen Selbstmord Jeremiahs beteiligten Autos weder Blut, noch Haare oder andere Körperspuren zu finden sind. Wenn jedoch eine Person so stark von einem Auto getroffen wird, dass diese noch am Unfallort stirbt, sollte es so etwas geben. Auch befinden sich keine Reifen oder Überrollspuren auf Jeremiahs Körper, obwohl er von einem Auto überrollt worden sein soll. Dennoch weigerten sich Gericht und Staatsanwaltschaft, das Verfahren wieder zu eröffnen.

Erica Duggan erhofft sich von der Verfassungsbeschwerde eine Entscheidung, die den Beschluss des Oberlandesgerichts Frankfurt aufhebt und zu neuen, ernsthaften Ermittlungen über die genauen Todesursachen, die Verantwortlichen und einen Zusammenhang zum Schiller-Institut führt. Einer ihrer RechtsanwältInnen, Nicolas Becker, schätzt die Erfolgschancen als gut ein. Jedoch geht er davon aus, dass der Fall eher beim EGMR als beim Verfassungsgericht Gehör finden wird, da er für das BVG Neuland darstellt, der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte aber bereits in vergleichbaren Fällen verschiedene europäische Staaten wegen der Verletzung von Menschenrechten, insbesondere der Artikel 2 (Recht auf Leben und körperlicher Unversehrtheit) und Artikel 3 (Folterverbot) der Menschenrechtskonvention, verurteilt hat.

(1) Charismatische Sekte mit antisemitischer und rechtsextremer Ideologie
Bei dem international agierenden Netzwerk Lyndon LaRouches handelt es sich um eine charismatische Sekte: Sehr schnell werden die neugewonnenen Mitglieder aus ihrem sozialen Umfeld gerissen und von diesem isoliert. Der nun folgende regelmäßige Wechsel des Wohn- und Lebensortes soll verhindern, dass sie sich ein neues aufbauen können. Ihr Leben ist geprägt von Indoktrination und Gehirnwäsche durch die ständigen Schulungen und Aktionen mit anderen Mitgliedern. Wollen sie dieses Netzwerk verlassen, so drohen psychischer Terror, Gewalt und seltsam anmutende „Selbstmorde“. Nach den Vorstellungen La Rouches und seiner Jünger ist die Welt dem Untergang geweiht. Nur LaRouche hat den Masterplan dies zu verhindern, weswegen er von verschiedenster Seite bekämpft würde. Auch stehe die Weltwirtschaft kurz vor dem Zusammenbruch. Die Schuld hierfür sei bei gewissen Londoner Privatbanken und einigen Familien aus den USA zu suchen. Immer wieder wird von den Juden hinter Hitler und den jüdischen Interessen an diversen Wirtschaftskrisen gefaselt. Doch nicht nur Antisemitismus, auch Geschichtsrevisionismus und ein überaus stark ausgeprägter Nationalismus sind den Worten und Schriften der beiden Gurus dieser Sekte, Lyndon und Helga Zepp-LaRouche, zu entnehmen. Ihre Vorstellungen von Deutschlands Stellung in der Welt knüpft an kaiserzeitliche bzw. nationalsozialistische Großraumkonzepte an. Auch sehen sie den Nationalsozialismus lediglich als das Ergebnis einer Weltwirtschaftskrise an.

Weitere Informationen unter www.justiceforjeremiah.com

Der Artikel erschien bereits in der Dezember-Ausgabe der HUch! – Zeitung der studentischen Selbstverwaltung.

Mov!ng On : Handeln und Dokumentieren im rassistischen Alltag

Anna Blume & chaze / Hagalil

Der Bundesverband Schleppen & Schleußen bestreitet, dass der illegale Transport von Menschen über Grenzen moralisch verwerflich sei. Vielmehr bezeichnet er diese Tätigkeit als „undokumentierten grenzüberschreitenden Personenverkehr“ und sieht in ihm einen rasanten Wachstumsmarkt.

Globalisierung, so seine Argumentation, bedeute nicht nur eine weltweit freie Waren-, sondern auch Personenbewegung. Das es sich bei dieser Interessensgemeinschaft mit hochprofessionellem Marketingstrategien um eine Kunstaktion mit antirassistischem Hintergrund handelt, wird erst nach einer Phase der Irritation deutlich. Die Ausstellung Mov!ng On in Berlin-Kreuzberg bietet Raum für Projekte dieser Art im Grenzbereich zwischen Kunst und Politik.

Ein Schwerpunkt liegt dabei in der Darstellung von Rassismus im Alltag. Der Kurzfilm Einen Schritt weiter von Nick Hanke und Rico Tscharntke konfrontiert gleich zu Beginn mit dem Leben eines Asylbewerbers in Deutschland. Gedreht mit versteckter Kamera versetzt er die Besucherinnen und Besucher in die Position eines Nicht-Weißen in der deutschen Gesellschaft, zum Beispiel in die ruppige Kontrolle im Supermarkt, bei der die Hautfarbe genügt um zum potentiellen Dieb zu werden. Das Projekt Human Recources von Zala T.S. Unkmeier zeigt anhand von Zitaten aus dem Brief Im Deutschen Interesse, den die Bundesregierung 2002 zur Begründung ihrer Asylpolitik an alle deutschen Haushalte verschickte, wie per Gesetz Flüchtlinge zu Wertobjekten werden. Signifikant wird dies in der Unterteilung in nützliche und unnütze Flüchtlinge.

Mehrere Projekte thematisieren die Beliebigkeit von Grenzen und die individuellen Erfahrungen mit ihnen. Border Sounds, ein Hörspiel, stellt die Grenze als gefährlichen Raum dar, wie er von Flüchtlingen wahrgenommen wird. Das Grenzen für verschiedene Menschen einen unterschiedlichen Status haben, wird in dem Video Berlin Potsdam gezeigt. Ein nicht amtlich genehmigter Sprung über die Stadtgrenze bedeutet für Deutsche nichts, für Asylsuchende stellt dies aufgrund der Residenzpflicht eine Gesetzesübertretung, die den Verlust des Aufenthaltsrechtes nach sich ziehen kann, dar.

Mit der Chipkartenini, die Flüchtlingen den Zugang zu Bargeld ermöglicht, verlässt die Ausstellung die Ebene der reinen Dokumentation und zeigt Möglichkeiten antirassistischer Praxis auf. In weiteren Projekten wird das große Spektrum antirassistischer Aktivitäten der letzten Jahre dargestellt. Diese reicht von Informations- und Aufklärungsarbeit bis hin zu militanten Aktionen.

Migrantinnen und Migranten werden hierbei nicht als reine Opfer dargestellt, denen geholfen werden müsste, sondern als politisch Agierende. Bedingt von der eindeutig politischen Ausrichtung tritt der künstlerische Aspekt in den Hintergrund. Zudem entsteht durch die Häufung der Projekte in einem Raum stellenweise eine pädagogisierende Atmosphäre, welche deren Wirkungskraft mindert.

Eine Reflexion antirassistischer Praxis findet nicht statt. Der umfangreiche Katalog stellt diese jedoch in einen breiten gesamtgesellschaftlichen Kontext. Das diese Ausstellung nicht in einer deutschen Grenzstadt gezeigt wird ist bezeichnend.

Mov!ng On: Handlungen an Grenzen – Strategien zum antirassistischen Handeln. In der Neuen Gesellschaft für bildende Kunst, Oranienstraße 25, Berlin-Kreuzberg, bis 11. September 2005 täglich 12 – 18.30 Uhr, Eintritt frei. Katalog 188 S., 10 Euro. www.ngbk.de

„Wenn ich mal nicht mehr da bin, müsst Ihr das machen“ : Perspektiven antifaschistischer Gedenkarbeit

Anna Blume / Hagalil

Vom 17. bis 19. Juni diesen Jahres findet in der Fachhoschule Potsdam die internationale Tagung „Perspektiven antifaschistischer Gedenkarbeit“, organisiert von der Lagergemeinschaft Ravensbrück/Freundeskreis e.V. und den FreundInnen des Sachsenhausenkomitees, statt.

Im Rahmen dieser Konferenz soll zusammen mit Überlebenden der Konzentrationslager diskutiert werden, wie Erinnerungspolitik im Sinne der ehemaligen Häftlinge aussehen kann, besonders dann, wenn sie, wie mittlerweile 60 Jahre nach der Befreiung der Konzentrationslager, nicht mehr in der Lage sind diese selbst zu gestalten, so Monika Pilath über die Intention der Konferenz. Zudem wollen sie Personen und Organisationen, die sich mit der inhaltlichen Arbeit von Gedenkstätten und deren Politik befassen, vernetzen.

Die Konferenz wird am Freitag um 18 Uhr, unter anderem durch den stellvertretenden Vorsitzenden der Lagergemeinschaft Ravensbrück/Freundeskreis e.V., Fritz Schwark, eröffnet. Im Anschluss daran findet eine Podiumsdiskussion mit dem Titel „Erinnern heute – Plädoyer gegen die Egalisierung der Opfer“ statt. Boris Buden (London, Philosoph und Esayist) und Güther Jacob (Hamburg, Publizist) werden in dieser über die Gleichsetzung und Parallelisierung von Nationalsozialismus und DDR sowie der Wiederentdeckung der deutschen Opfer des II. Weltkrieges referieren.

Der Samstag steht im Zeichen der Frage wie antifaschistsiche Gedenkarbeit aussehen kann. Dazu haben zunächst Überlebende die Möglichkeit ihre Erfahrungen in der Nachkriegszeit, ihre Vorstellungen von zukünftigen Gedenken und daraus ableitende ihre Wünsche und Erwartungen an die jeweiligen Gedenkstätten und Gedenkorte darzustellen.

Anschließend soll in drei Arbeitsgemeinschaften die oben genannte Fragestellung hinsichtlich verschiedener Schwerpunkte diskutiert werden. In einem Dieser unter dem Titel „Motivation für Gedenkpolitische Arbeit“ wird die Historikerin Susanne Willems zusammen mit den Teilnehmern über Ziele, Motivation und die Rolle der Familiengeschichte bei Erinnerungsarbeit diskutieren. Aber auch die Vorstellungen für zukünftige gedenkpolitische Tätigkeiten sollen erörtert werden.

In der AG „Die Frage des Vermächtnis“ soll unter anderem mit Joachim Pilarski diskutiert werden, ob antifaschistische Erfahrungen übertragen können. Die bisherige Zusammenarbeit mit den Gedenkstätten soll im dritten Workshop kritisch reflektiert werden. Durch Teilname des Ehrenvorsitzenden des Landesverbandes VVN-BdA Sachsen, Prof. Dr. Hans Lauter, wird das Sächsische Gedenkstätten Gesetz und die damit verbundene Niederlegung der Arbeit der Opferverbände in den Gremien der Stiftung Sächsische Gedenkstätten einen Schwerpunkt bilden. Dieses Gesetz, welches der Sächsische Landtag 2004 beschloss, setzt die DDR mit dem Nationalsozialismus gleich, verharmlost somit den NS-Terror und verhöhnt die Opfer. Zudem widerspricht es einem Beschluss des Europa Parlaments von 1993, welches den Erhalt und die Pflege der Gedenkstätten in Absprache mit den Verbänden der Opfer des Nationalsozialismus fordert.

Anknüpfend an die Thematik des letzten Workshops soll im Anschluss daran das Konzept des „Antifaschismus im Jahrhundert der Extreme“ unter anderem mit Prof. Dr. Ludwig Elm, Mitglied der Enquete-Kommission des Bundestages zur Geschichtsaufarbeitung. Diskutiert werden. Im Mittelpunkt Dieser steht die Frage, ob die Gleichsetzung von Stalinismus und Nationalsozialismus mit der EU-Osterweiterung einen neuen Auftrieb erhält und wie man diesem entgegentreten kann.

Am Ende des Samstages wird der Film aus Dessau mit dem Titel „Vor der Haustür – Orte des nationalsozialistischen Terrors im heutigen Sachsen Anhalt“ gezeigt und es findet eine „Swing Disko“ mit Günther Discher, Mitglied der Swing Jugend und Überlebender des Jugendkonzentrationslagers Moringen, statt.

Die Tagung wird am Sonntag durch eine Podiumsdiskussion über die Zukunft der Opferverbände und der Vernetzung einzelner Organisationen beendet. An der Podiumsdiskussion „Wenn ich mal nicht mehr da bin, müsst Ihr das machen“ nehmen unter anderem ein Mitglied der Fédération Internationale des Résistants – Association antifasciste FIR, ein Mitglied des Vorstandes der Lagergemeinschaft Ravensbrück/Freundeskreis e.V., der Vorsitzende des Bundesauschusses VVN/BdA sowie diverse andere Vertreter verschiedender Opferverbände teil. Im Rahmen der Vernetzung sollen neben einem inhaltlichem Resümee der Tagung, Vorstellungen zur dauerhaften Arbeit für die Zukunft entwickelt werden.

Auch wenn die Tagung durch diverse Gruppen unterstützt und gefördert wird, reicht dies leider nicht aus. Deswegen bitten die Organisatoren um weitere Spenden. Weitere Informationen, Spendenkonto und Programm:

www.ravensbrueckblaetter.de