Konjunktiv und Indikativ sind auch nur zwei Modi des gleichen tristen Alltags

Warum man Julia Engelmann nicht mögen muss, um sie gegen ihre Kritikerinnen zu verteidigen

Anna Blume / HUch!

Das Video ist alt, dessen Message noch viel älter und doch bewegt Julia Engelmanns »One Day/Reckoning Text« seit Anfang des Jahres die Gemüter. »Fake« schreien die einen; die Nervosität, das Schwitzen, die unruhigen Handbewegungen und das verschüchterte Lächeln – alles nur Show, überhaupt nicht authentisch. Sicher, Julia Engelmann ist Schauspielerin und das auch nicht erst seit gestern, aber jeder Poetry-Slam ist Show; niemand geht dort spontan und unvorbereitet auf die Bühne, um einen Text vor hunderten Zuschauern zu performen. Auch gewinnt nicht der mit dem ausgefeiltesten Text, dem anspruchsvollsten Metrum oder so, sondern wer in fünf bis zehn Minuten die Masse für sich gewinnen kann und dies macht man bekanntlich nicht, indem man mit Hör- und Sehgewohnheiten bricht.

In der Welt des Poetry-Slams will man dies allerdings nicht so recht wahr haben und beklagt sich stattdessen lieber darüber, dass die Performance Engelmanns »die vielen Stunden Arbeit, die unsäglichen Tränen und Niederlagen, die jeder hart arbeitende Lyriker in seine Texte investiert, [untergräbt]«. Anders als Engelmann täten ›richtige‹ Poetry-Slammer »Tag für Tag nichts anderes, als nach neuen Worten und Satzfragmenten zu suchen, um alte Sachverhalte auf eine tiefgründige und imaginative Weise neu auszudrücken« und nun würden diese »von oberflächlichen Slammern in die zweite Reihe gedrängt«.(1) In Zeiten, in denen alle immer mehr erfahren wollen, obwohl es nicht einmal mehr was zu erleben gibt; in Zeiten, in denen alle immer wortgewandter und tiefgründiger alles sagen wollen, obwohl niemand mehr auch nur irgendetwas mitzuteilen hat; in solchen Zeiten ist es einfacher, das »anti-lookism-Ticket« zu ziehen – nichts anderes sind die gegen Engelmann erhobenen Vorwürfe, »blond und hübsch« (2) zu sein –, als sich einzugestehen, dass die eigenen Vorstellungen von Poetry-Slam mindestens naiv, wenn nicht gar selten dämlich sind. Dessen vermeintlich subversives Element ist auch nur Teil des Immergleichen der Kulturindustrie.

Zwar gibt man zu, neidisch auf den Erfolg Engelmanns zu sein. Dass diese dafür wahrscheinlich hart, wenn nicht sogar noch härter gearbeitet hat als man selbst, mag man jedoch nicht in Erwägung ziehen. Im Geiste protestantischer Ethik spricht man zudem jeglichem Erfolg, der nicht in schweißtreibender Arbeit erreicht wurde, die Existenzberechtigung ab. Nun muss man Engelmanns Performance nicht mögen, um festzustellen, dass ihr der Versuch, sich als »Anwalt gesellschaftlicher Veränderungen« zu geben, geglückt ist – wenn auch nicht gleich beim Poetry-Slam im Mai letzten Jahres im Bielefelder Hörsaal, sondern erst sieben Monate später via Youtube. Durch »Geständnisse ihrer Sorgen und Schwächen«, durch die »scheinbar ungeschminkte Schilderung ihrer Persönlichkeit« gelingt es ihr, eine »Atmosphäre häuslicher Intimität« zu schaffen und nicht nur die »Neugier ihrer Zuhörer zu befriedigen«, sondern sich auch »wie jemand aus ihrer Mitte, der ihre innersten Gedanken formuliert«, zu geben und sich als »Ersatzindividualität« zu etablieren. Zugegebenermaßen funktioniert das Identifikationsmoment in der Nahaufnahme des Youtube-Videos weitaus besser als inmitten des Bielefelder Hörsaals weit entfernt von ihren Zuhörern und damit auch zugleich Juroren; wohl auch deshalb zogen damals andere ins Finale ein.

In ihrem Text verallgemeinert Engelmann »nicht eine intellektuelle Wahrnehmung, sondern eine übertriebene Emotion«. Dennoch ist es wichtig festzuhalten, dass die Gefühle, an die sie hierbei appelliert, »weder als willkürlich noch als gekünstelt ignoriert werden [können]«; sie sind der modernen Gesellschaft inhärent. Statt sie jedoch »auf irgendwelche deutlich umrissenen materiellen oder moralischen Zustände zu beziehen« und eine »Veränderung der politischen Struktur« zu fordern etc., »beziehen sich ihre Antworten auf ein ›wer‹«? – Ich! Wir! Insofern spricht Engelmann auch nicht über die Welt, sondern über sich und setzt in schlechter idealistischer Tradition Subjekt und Objekt, Innen und Außen in eins. Statt auf die »Ursachen [des] sozialen Übels in einer ungerechten oder überholten Gesellschaftsform oder der schlechten Organisation der gegenwärtigen Gesellschaft« zu reflektieren, flüchtet sie sich in Pseudo-Aktivität. Die Geschichten, die sie gern später erzählen würde, haben mit Erfahrung nichts gemein, sondern sind Höchstleistungen der Bedeutungslosigkeit.

Doch nicht nur Engelmann, auch ihre Kritikerinnen von der Mädchenmannschaft sind unfähig oder unwillig sich einzugestehen, dass sie keine Vorstellung von der Zukunft haben, die etwas anderes sein könnte, als eine Verlängerung des Hier und Jetzt. Indem sie mit ihrem inneren Schweinehund spazieren gehen, glauben sie sich »der Selbstoptimierung und dem ganzen Leistungsquatsch« (3) entziehen zu können und verkennen, dass man heutzutage in jedem Zeitmanagementseminar lernt mit eben jenem Frieden zu schließen, ja ihn als innere Gewerkschaft zu betrachten, die einen vor dem Burnout bewahren soll. Ganz im Sinne der Do-It-Yourself-Ideologie flüchten auch sie sich in Pseudo-Aktivität und meinen ihrem sinnlosen Socken-Stricken und -Aufdribbeln noch etwas Subversives, ja gar ein Moment des Nicht-Mitmachens abgewinnen zu können. Dass sie sich damit in bester Gesellschaft Julia Engelmanns befinden, wollen sie nicht wahrhaben. Ähnlich wie diese bieten sie einen »Scheinprotest« an, der zu nicht mehr taugt als zur konformistischen (Pyjama-Party-)Rebellion. Ganz gleich ob Frühaufsteher oder Langschläfer, carpe diem oder carpe noctem, Julia Engelmann oder Mädchenmannschaft, Yoga oder about blank – sie alle sind nur »Reflex auf die verwaltete Welt« und «wiederhol[en] jene in sich selbst.« (4) Sie alle verstellen den Ausgang aus der »Malaise des Unbehagens«, wie Norbert Guterman und Leo Löwenthal diesen Grundzustand des modernen Lebens in ihrer Studie zur faschistischen Agitation Falsche Propheten, der alle vorangegangenen und nicht anderweitig nachgewiesenen Zitate in leicht veränderter Form entstammen, bezeichneten.

Selbstverständlich, das sei abschließend bemerkt, handelt es sich bei Julia Engelmann nicht um eine faschistische Agitatorin. Dennoch ist es bemerkenswert, wie viele der Momente, die Guterman und Löwenthal an jenen ausmachten, sich bei ihr wiederfinden lassen und letztlich ist der Schritt nicht weit vom »ich« und »wir« zum »sie«, also von der Identifikation verhasster Anteile der eigenen Person zur Projektion dieser auf andere.

Fußnoten
(1) Laura Nunziante: Das Anagramm für „Hochkultur“ ist nicht „Julia Engelmann“.
(2) Ebd.
(3) Mädchenmannschaft: Samstagabendbeat mit einem Julia Engelmann-Remix.
(4) Theodor W. Adorno: Marginalien zu Theorie und Praxis, in AGS 10.2, S. 772.