»Vergesst Auschwitz! Denkt an Israel – bevor es zu spät ist«

Eine etwas andere Rezension

Anna Blume / HUch!

Anfang 2010 geisterte ein Video durch’s Internet, in dem der Auschwitz-Überlebende Adam Kohn zu Gloria Gaynors »I will survive« tanzte. Gemeinsam mit seiner Tochter und seinen drei Enkeln feierte er – zum Teil im weißen Pullover mit der Aufschrift »survivor«, zum Teil mit einem an die Kleidung gehefteten Gelben Stern – sein Überleben an Orten des nationalsozialistischen Terrors: in Auschwitz, Dachau, Theresienstadt und Łódź. Während die einen darin den jüdischen Mittelfinger sahen – »Ich lebe!« –, empfanden andere dies als »geschmacklos«, »respektlos« und »Verhöhnung der Opfer«; sie warfen seiner Tochter, die sich zugleich als Künstlerin für das Video verantwortlich zeichnete, vor, mit dieser »Provokation« nur ihre eigene Karriere voranbringen zu wollen. Wieder einmal führten sich Deutsche als »Bewährungshelfer« (Wolfgang Pohrt) der Juden und Jüdinnen auf; diesmal jedoch um ihnen zu erklären, wie man den Toten, ihren Toten richtig zu gedenken habe: Mit einem Holocaust-Mahnmal, »wo man gerne hingeht« (Gerhard Schröder), und um das – gemäß des Faschismusforschers Eberhard Jäckel – andere die Deutschen beneiden; mit Schulen, die nach Anne Frank, Hans und Sophie Scholl benannt sind; mit »Klassenreise[n] in das nächstgelegene KZ«* (S. 171) und natürlich mit Gedenkveranstaltungen, die anlässlich von Jahrestagen zuhauf organisiert werden und zu denen man die letzten Überlebenden nicht selten unter widrigsten Bedingungen hin karrt, damit diese unter den Augen der Deutschen ihrer Toten gedenken – selbstverständlich erst nachdem sie, günstigsten falls »nur« dröge, Politiker-Reden und den Kranzabwurf der Nachkommen der Täter ertragen mussten.

Auschwitz, ursprünglich Metapher für den »Zivilisationsbruch« (Dan Diner), ist heute zum Symbol der »Selbstabsolution«, zu einer »Wellness-Oase der Vergangenheitsbewältigung« geworden, wie der Publizist Henryk M. Broder im Interview mit dem Focus im März letzten Jahres konstatierte. In seinem neuesten Buch »Vergesst Auschwitz! Der deutsche Erinnerungswahn und die Endlösung der Israel-Frage« beschreibt er eine »gigantische Erinnerungs- und Gedenkindustrie« (S. 11), der er das Vergessen vorziehen würde, denn so, »wie die Erinnerung heute praktiziert wird, ist sie eine Übung in Heuchelei, Verlogenheit, Scheinheiligkeit und Opportunismus. Und sie bereitet den Weg für kommende Katastrophen vor.« (S. 12) Die Erinnerung an den Holocaust ist nicht nur die »erste Bürgerpflicht« (S. 12) der Deutschen, sie dient auch zugleich als »Warnung vor den Verbrechen der Juden.« (S. 49) Die Versinnbildlichung dieser »deutsche[n] Erinnerungskultur im Hardcore-Format« (S. 49) stellt der frühere außenpolitische Sprecher der Linkspartei Norman Paech dar: Als Mitglied des Auschwitz-Komitees gedenkt er den toten Juden, als Menschenrechtsaktivist segelt er gemeinsam mit türkischen Islamisten gen Gaza um der dortigen Bevölkerung abgelaufene Medikamente und kaputtes Spielzeug zu überbringen. Was wie ein Widerspruch erscheinen mag, entspringt einer Logik, nach der sich die historische Verantwortung der Nachkommen der Täter darin erschöpft, »die Erinnerung an den Holocaust wachzuhalten« (S. 34). Statt »die kommende Endlösung der Nahostfrage zu verhindern« (S. 34), sind »die Deutschen dazu verpflichtet, darauf zu achten, dass die ‚Juden und Jüdinnen‘ nicht rückfällig werden.« (S. 152)

Der so genannte Nahost-Konflikt mag in Anbetracht der welthistorischen Entwicklungen seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges und der Zahl seiner Opfer einer der unwichtigsten Konflikte der Gegenwart sein; die Antisemiten jedoch sind von ihm obsessiv besessen. Dabei ist ihnen gleich, wenn »bei internen Auseinandersetzungen zwischen der Hamas und der Fatah erst Fatah-Leute von den Hamas-Leuten und dann Hamas-Leute von den Fatah-Leuten massakriert« (S. 41f) werden; »die Antizionisten vom Dienst wachen erst auf, wenn Israel ins Spiel kommt« (S. 42), weswegen der Verdacht naheliegt, »dass sie [Anm.: die Palästinenser] nur als Alibi und Ausrede benutzt werden, um Israel auf der Anklagebank halten zu können.« (41) Die »Verlagerung der deutschen Vergangenheit auf Israel« (S. 23) bietet den Antisemiten die Möglichkeit, den Widerstand der Eltern nachzuholen, weswegen »damals wie heute […] die Israelkritik nicht ohne Rekurs auf das Dritte Reich aus[kam].« (S. 24)

Auf der Suche nach einem »Heilmittel für das Leiden an der eigenen Krankengeschichte« (S. 159) stellt die »Islamophobie« (Fn 1) ein probates Mittel dar, denn »wenn die Palästinenser die Juden von heute sind, und die »Islamophobie« den Antisemitismus ersetzt hat, dann muss man sich mit dem Palästinensern solidarisieren und die »Islamophobie« bekämpfen, wenn man besser als die eigenen Eltern und Großeltern sein will« (S. 44); sie hilft also „die eigene Geschichte erfolgreich [zu] entsorgen und sich zugleich zum Retter einer bedrohten Minderheit auf[zu]schwingen“ (S. 124).

Ursprünglich als Kampfbegriff von Ayatolla Khomeini 1979 entwickelt, ist das Kuckucksei der »Islamophobie« spätestens seit der Konferenz »Feindbild Muslim – Feindbild Jude«, welche das Berliner Zentrum für Antisemitismusforschung im Dezember 2008 an der dortigen Technischen Universität veranstaltete, aus der deutschen Vorurteilsforschung nicht mehr wegzudenken. Dieser jedoch mangelt es schon seit ihrer institutionellen Begründung Anfang der 1980er Jahre an einem Begriff von Antisemitismus; ganz gleich ob man Klaus Holz‘ Figur des Dritten, das von Wilhelm Heitmeyer geprägte Konzept der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit oder aber Wolfgang Benz‘ Was ist Antisemitismus? näher betrachtet, sie alle scheitern daran, den Antisemitismus in seiner spezifischen Dimension, d.h. sein qualitatives Moment als umfassende angebliche Erklärung der modernen Welt, zu fassen. Wer jedoch den Unterschied zwischen Vorurteilen als »Stufen zur Urteilsbildung, [die] korrigierbar und durch Erfahrung revidierbar« (S. 120) sind und Ressentiments, »die durch keine Tatsache zu erschüttern« (S. 120) sind, nicht zu erkennen vermag, der kann auch die Süddeutsche Zeitung mit Klopapier vergleichen, »denn beide sind aus dem gleichen Material hergestellt und nur verschieden formatiert, also in einer Hinsicht gleich und in einer anderen ungleich« (S. 126f), oder eben den Vorwurf des »Ritualmords« mit dem des »Ehrenmords« gleichsetzen, also den Antisemitismus mit der »Islamophobie«. Die große Popularität, der sich der letztere gleichsetzende Vergleich erfreut, rührt wohl nicht zuletzt daher, dass »wenn die Moslems die Juden von heute sind, […] uns das die Chance [gibt], die Geschichte zu korrigieren, ein zweites Auschwitz zu verhindern.« (S. 131) Die »Islamophobie« ist also Teil jenes »deutschen Generationenvertrages« (S. 32), der den »Wutbürgern« durch das Bewahren von Bäumen vor dem Umbetten, durch das Aufhalten eines Castor-Transportes für einige Stunden etc. zu einem »widerständigen Leben« (S. 32) verhelfen soll, mit dem sie den Geschwistern Scholl in nichts nachzustehen scheinen. Einem derartigen Widerstandsbegriff jedoch sind Juden, die sich wie 1976 in Entebbe selbst halfen, anstatt sich an der Diskussion über transitive und intransitive Verben abwartend zu beteiligen – als mache es einen Unterschied, ob der Iranische Präsident die Juden zielgerichtet und aktiv eliminieren oder aber ungezielt und passiv verschwinden lassen möchte – zuwider. Gleiches gilt für Juden, die sich für das Leben entscheiden; ganz gleich ob es sich hierbei um Adam Kohn und seine Familie handelt oder aber um eine Gruppe israelischer Jugendlicher, die sich während ihrer Auschwitz-Reise eine Stripperin ins Hotel bestellte. Die »Lieblingsjuden der Deutschen« (S. 170) sind tote Juden, diese stören ihre »Wellness-Oase der Vergangenheitsbewältigung« nicht; auch erinnern sie sie nicht an den gescheiterten Versuch ihrer Eltern und Großeltern, Europa »judenrein« zu machen – denn »schlimmer, als ein Verbrechen zu verüben, ist es, ein Verbrechen nicht zu Ende gebracht zu haben.« (S. 35)

Was Broders Vergesst Auschwitz! als »Klammer, […], Fortsetzung, […] Ergänzung und […] Abschluss vom »Ewigen Antisemiten««, wie er selbst sein Buch im Gespräch mit dem Stern charakterisierte, aussagen wolle, erfasste kaum jemand besser als Gudrun Eussner. Ihr Statt einer Rezension sei abschließend zitiert:

»Erst wenn der letzte Koffer eines Deportierten konserviert, der letzte Nazi-Kriegsverbrecher verurteilt, der letzte der sechs Millionen jüdischen Namen in Plaketten eingemeißelt ist, werdet ihr merken, daß niemand damit Israel geholfen hat.« (Fn 2)

* Alle Zitate entstammen, soweit nicht anders vermerkt, dem unten stehenden Sammelband. Die dem Zitat zugehörige Seitenzahl befindet sich jeweils in Klammern dahinter.

Henryk M. Broder: Vergesst Auschwitz! Der deutsche Erinnerungswahn und die Endlösung der Israel-Frage; München 2012 – 176 Seiten, 16,99 Euro.

Fußnoten
(1) Zur Genese des Begriffs „Islamophobie“ siehe u.a. Stephan Grigat: Kampfbegriff „Islamophobie“; In: http://www.cafecritique.priv.at.
(2) Gudrun Eussner: Henryk M. Broder: Vergeßt Auschwitz! Statt einer Rezension; In: eussner.blogsport.de.