Alles falsch. Auf verlorenem Posten gegen die Kulturindustrie

Anna Blume / HUch!

Wer durch den Besuch von Lehrveranstaltungen zu Kritischer Theorie beschädigt und über das Niveau, auf dem diese – wenn auch nicht nur, so jedoch insbesondere – dort verhandelt wird, erschrocken ist, fragt sich bei jedem neu erscheinenden Feuilletonartikel und jedem Buch, bei jeder Dokumentation und jedem Radiofeature, die anlässlich von Jahrestagen zuhauf produziert bzw. aus den Schubladen hervorgeholt werden, wie unerträglich es dieses Mal wird; zu prägend waren die in Seminaren und Vorlesungen gemachten Erfahrungen, in denen „Adornos Gesellschaftskritik auf Alltagsgewäsch herunter[gebracht]“* (S. 47) wurde, in denen „ständig menschelnde Anekdoten erzählt [wurden], die nichts zur Sache tun“ (S. 41), in denen man Adorno – beispielsweise durch die Wahl seines Spitznamens als Passwort für eine Lernplattform – „ankumpelte“ (S. 11) und zu guter letzt eine Studentin gar ihren Oberkörper während ihres Referates über „Unmöglichkeiten nach Auschwitz“ entblößte. In Anbetracht all dessen kann man nur zu gut nachvollziehen, dass der Herausgeber der Gesammelten Schriften Adornos, Rolf Tiedemann als „Schutzmaßnahme gegen die Verzweifelung angesichts dessen, was die Gesellschaft über ihren Kritiker – und damit über sich selbst – zu sagen hatte“ (S. 10), vor den Feierlichkeiten zum 100. Geburtstag Adornos für einen längeren Zeitraum aus Deutschland floh. Denn gefeiert wurde nicht Adornos Geburtstag, sondern sein Tod. So soll wohl auch der Glaskubus des 2003 auf dem Frankfurter Adorno-Platz errichteten Adorno-Denkmals nicht primär das darin arrangierte Mobiliar vor Vandalismus und Diebstahl schützen, sondern Adorno und seine Gesellschaftskritik „’draußen’ […] lassen“ (S. 53), um nicht zu sagen, wegsperren. Zugespitzt könnte man sagen: Dieses Denkmal versinnbildlicht in seiner Gesamtkonzeption die Bestrebungen „Adornos Kritik mit gönnerhafter Miene ad acta legen“ (S. 53) zu wollen.

All diesen Phänomenen – wenn auch eher auf das Feuilleton und den 100. Geburtstag Adornos denn auf den alltäglichen Wissenschaftsbetrieb und die eingangs dargestellten Erfahrungen bezogen – widmet sich Dirk Braunstein in seinem Beitrag „Kulturindustrie is coming heim“ in dem von ihm gemeinsam mit Sebastian Dittmann und Isabelle Klasen herausgegebenen Sammelband „Alles falsch. Auf verlorenem Posten gegen die Kulturindustrie“, welcher im April 2012 beim Berliner Verbrecher Verlag erschienen ist. Anhand unzähliger Feuilleton- und Buchbeiträge zeigt Braunstein auf, wie durch „die massenhafte Verbreitung von Gerüchten, Halbwahrheiten und blanken Lügen“ (S. 14) und durch das „[Durchwühlen] sein[es] Tagebuch[es] und seine[r] Korrespondenz auf der Suche nach belastendem Material […]“ (S. 31) „[versucht] wurde die Person Adornos zu diskreditieren […]“ und ihn „als andersartig [zu] denunzier[en], sei es als jemand, der von der sexuellen Norm abgewichen sei, sei es als weltfremder Professor, sei es als Jude.“ (S. 54) Fast überflüssig zu betonen, dass sich in diesen Feuilletonbeiträgen – wenn schon nicht für Adorno als Theoretiker – auch nicht wirklich für seine Person interessiert wurde; einzig interessant erschienen den AutorInnen dieser Schmähschriften Adornos Schwächen. Auch heute noch scheint man sich – so resümiert Braunstein seine Analyse – darin einig zu sein, „daß das Private öffentlich und das Öffentliche, alles, was man Werk nennen könnte, privateste Angelegenheit spinnerter Adorniten sei.“ (S. 55)

Im Unterschied zu diesem common sense ist es das Anliegen der HerausgeberInnen des Bandes „Texte zu versammeln, denen die Publikation andernorts vermutlich versagt geblieben wäre.“ (S. 7) In Zeiten, in denen „es üblich geworden ist, innerhalb der Kulturwaren zu differenzieren, um so deren vermeintliche Freiheitspotentiale zu entdecken“ (S. 7) – man denke nur an die unzähligen Aufsätze über Buffy und Co –; in Zeiten, in denen vermeintlich gesellschaftskritische Seminare gemäß dem „schneller“, „höher“, „weiter“ und „besser“ der Kulturindustrie mit „cool“, „faszinierend“, „terrific“ und zu letzt „shoking“ beworben werden – denn „[n]ichts darf beim Alten bleiben, alles muß unablässig laufen, in Bewegung sein“ (Fn 1); in Zeiten also, in denen die Kritik der Kulturindustrie selbst Teil des von ihr kritisierten Gegenstandes ist, erscheint diese Vermutung mehr als begründet und das obwohl – oder gerade weil – die „Kritik an der Kulturindustrie so wenig überholt wie die an der Gesellschaft insgesamt“ (S. 7) ist. Kritische Theorie der Kulturindustrie ist dabei jedoch primär keine Kulturkritik, sondern stellt stattdessen eine „kritische Analyse des Warencharakters von Kultur“ (Fn 2) dar.

In seinem Beitrag „Reklame für die Welt, wie sie ist“ widmet sich Simon Durckheim der Verdopplung der Realität durch die Tautologie von Identität; Erkenntnis wird hierdurch zur ‚Self-fulfilling prophecy’ – „sein soll, was ohnehin schon ist“ (Fn 3), „werde was du bist“ (Fn 4). Indem also „das Subjekt lediglich das an der Sache erkennt, was es zuvor selbst in diese hineingelegt hat“ (S. 65), muß es „von allem Besonderen am Objekt absehen, das nicht in der Allgemeinheit der subjektiven Begriffe und Kategorien aufgeht“ (S. 66) wodurch auch jeglich qualitativ Neues verschwindet. Durch die Einheit von Realität und Ideologie produziert die Kulturindustrie selbst keine Ideologie; sie macht das bereits vorhandene Bewußtsein „noch einmal zur Ideologie“ (Herv. i. O., S. 74). Indem die Kulturindustrie den Zustand der Welt rechtfertigt und dessen vermeintliche Unveränderbarkeit propagiert, werden die Menschen zu dem gemacht, „was sie ohnehin sind, nur noch mehr, als sie es ohnehin sind.“ (Fn 5)

Im Rückgriff auf Kants „Kritik der Urteilskraft“ analysiert Magnus Klaue in seinem Aufsatz „Vom Geschmack zur Idiosynkrasie“ die Auswirkungen der Totalität der Kulturindustrie unter anderem auf die heutige Verwendung der Redewendung „Über Geschmack lässt sich (nicht) streiten.“ Rekurrierte sie ursprünglich auf den Doppelcharakter des Geschmacksurteils, in dem subjektiver Erfahrungsgehalt und objektiver Geltungsanspruch konvergieren, soll sie heute möglichen Streit bereits besiegeln, noch bevor sich auch nur ein Widerspruch formuliert. Am Beispiels eines Bandes zu „Literaturkritik und literarische Wertung“ für SchülerInnen der 11.-13. Klasse zeigt Klaue die „Verschmelzung von subjektiven und objektiven, von wahrnehmungs- und werkbezogenen Kriterien zu einem scheinneutralen Regelkatalog“ (S. 116) auf. Indem die Kulturindustrie das Bewußtsein um die Spaltung von Kunst in hohe und leichte auslöscht, bringt sie „nicht einfach die Erhabenen um ihr Privileg oder die Erniedrigten um ihre Zerstreuung, sondern alle um die Möglichkeit ungeteilten Glücks“ (S. 124).

Ausgehend von der Erkenntnis, dass sich Adornos und Guy Debords Theorien bis auf das Wort gleichen, geht Isabelle Klasen in ihrem Beitrag „Verblendungsspektakel“ der Frage nach, ob von beiden auch „die gleichen Schlussfolgerungen in Bezug auf die Kunst und deren gesellschaftliche Teilhabe gezogen werden“ (S. 168). Sie kommt zu dem Ergebnis, dass auch wenn Adorno und Debord das Misslingen von Kultur im Zusammenhang mit der gesellschaftlichen Verwirklichung der Ideologie sehen und in beiden Theorien „die Menschen ihre Entmenschlichung als Menschliches, als Glück der Wärme genießen“ (S. 181), Adorno im Unterschied zu Debord „an der Kategorie der Autonomie von Kunst – wenngleich kritisch – festhält“ (S. 191f).

Die letzten beiden Beiträge des Sammelbandes widmen sich dem Film und der Musik. Christoph Hesse untersucht in seinem Aufsatz „Film als Waffe“ die Entwicklung des Films von der „Waffe der Aufklärung (und der Manipulation)“ (S. 225) zu einem Blindgänger dessen „Dynamit der Zehntelsekunden historisch verpufft ist“ (S. 251), obwohl er technisch mit der modernsten Waffen mithalten kann. Mit dem Musikgedächtnis als der „am anspruchsvollsten trainierbare[n] aller menschlichen Gedächtnisformen“ (S. 270) setzt sich Robert Hullot-Kentor in seinem Beitrag „Land der Unähnlichkeit“ auseinander. Dieser war ursprünglich unter dem Titel „Things Beyond Resemblance“ als Vorwort zu Adornos „Philosophy of New Music“ erschienen und wurde von Christoph Hesse ins Deutsche übersetzt. Da die Musik „das musikalische Gedächtnis kolonisierte, indem sie die Hörer wirklicher musikalischer Erfahrung beraubt“ (S. 274), ist „[d]as Ohr mit seiner Fähigkeit, Musik zu hören, […] heute das am meisten verdummte und ausgebeutete Sinnesorgan von allen“ (S. 276). Hullot-Kentor zeigt zudem auf, warum Adornos „Philosophie der Neuen Musik“ im Englischen nur mit „New Music“, nicht aber mit „Modern Music“ übersetzt werden kann, wenn man den „feine[n] und sehr alte[n] Unterschiede[n] in der geistigen Entwicklung, die diese beiden Sprachen durchlaufen haben“ (S. 263), gerecht werden möchte.

Will Kritik sich nicht in ständiger Wiederholung selbst verschleißen, ist sie „fortzusetzen“; bereits das Kulturindustriekapitel der „Dialektik der Aufklärung“ endet mit dieser Aufforderung. Nur so kann sie „de[n] Einspruch des Lebens gegen seine Verfälschung unter dem Zwang übermächtiger Objektivität artikulier[en]“ (Fn 6). Als Teil einer solchen Fortsetzung kann der hier besprochene Sammelband verstanden werden.

*Alle Zitate entstammen, soweit nicht anders vermerkt, dem unten stehenden Sammelband. Die dem Zitat zugehörige Seitenzahl befindet sich jeweils in Klammern dahinter.

Dirk Braunstein / Sebastian Dittmann / Isabelle Klasen (Hg.): Alles falsch. Auf verlorenem Posten gegen die Kulturindustrie, Verbrecher Verlag, 320 Seiten Broschur, 15 EUR.

Fußnoten
(1) Theodor W. Adorno / Max Horkeimer: Dialektik der Aufklärung; Frankfurt am Main 2003, S. 142.
(2) Detlev Claussen: Fortzusetzen. Die Aktualität der Kulturindustriekritik Adornos, S. 139; In: Frithjof Hager / Hermann Pfütze (Hg.): Das unerhört Modere. Berliner Adorno-Tagung; Lüneburg 1990, S. 134-150.
(3) Theodor W. Adorno: Negative Dialektik; In: AGS 6, S. 342.
(4) Theodor W. Adorno: Beitrag zur Ideologienlehre; In: AGS 8, S. 476.
(5) Theodor W. Adorno, Prolog zum Fernsehen, S. 70; In: Eingriffe. Neun kritische Modelle; Frankfurt am Main 1963, S. 69-80.
(6) Detlev Claussen: Fortzusetzen. Die Aktualität der Kulturindustriekritik Adornos, S. 144; In: Frithjof Hager / Hermann Pfütze (Hg.): Das unerhört Moderne. Berliner Adorno-Tagung; Lüneburg 1990.

Advertisements