„Black and white isn’t grey“

Anna Blume / Hagalil

Seit Ende des letzten Jahrtausends gibt es ein großes Interesse in Deutschland an Filmen über das Leben in der ehemaligen DDR. Die Erfolge von ‚Sonnenallee‘ (1998), ‚Good Bye Lenin‘ (2003) und ‚Das Leben der Anderen‘ (2005) sprechen für sich. Während die ersten beiden Filme durch eine romantisierte Darstellung der DDR in nicht geringem Maße zur ‚weißen‘ Ostalgie-Welle beitrugen, widmet sich letzterer der alltäglichen Überwachung durch die Stasi und damit der eher ’schwarzen‘ Seiten der DDR…

Obwohl diese Filme unterschiedlicher wohl kaum sein könnten, haben sie eins gemeinsam: sie alle waren mehr oder minder erfolgreich. Ganz anders ergeht es da den sogenannten ‚grauen‘ DEFA-Filmen. Sie sind eher ein Randphänomen, für das sich FilmhistorikerInnen und WissenschaftlerInnen außerhalb Deutschlands interessieren.

So fand vom 11. bis 26. November letzten Jahres eben nicht in Berlin, Hamburg oder München eine „Black and White isn’t grey“ Film-Retrospektive statt, sondern in den Kinos von Tel Aviv, Jerusalem und Haifa. Die Idee dafür hatte Ralf Dittrich, Kurator der DEFA-Retro, bereits Ende der 90er Jahre, als er in Tel Aviv Film studierte. Damals habe er festgestellt, dass viele Israelis kaum Wissen über die DDR, jedoch ein großes Interesse an ihr haben.

„Geh doch mal ins Kino, da verfliegt die Wut“ (1)

Dass diese Retrospektive nicht einfach nur DDR-Filme zeigen, sondern vor allem einen Einblick in das Leben im Osten geben wollte, wurde spätestens bei der Eröffnungsveranstaltung deutlich. So kamen die etwa 250 Besucher schon vor der offiziellen Eröffnung durch Ralf Dittrich in den Genuss von Manfred Krugs „Auf der Sonnenseite“, welches vom Band abgespielt wurden. Aber auch im Laufe der DEFA-Retro waren immer mal wieder Regisseure und Schauspieler wie Wolfgang Kohlhaase, Peter Kahane und Jutta Hoffmann als Gäste zu den Filmvorführungen geladen. Inhaltlich ergänzt wurde dies durch Vorträge in den jeweiligen Städten, wie beispielsweise die in Haifa von Julia Anspach für das Bucerius Institute organisierte Vortragsreihe zu „Film und Gesellschaft in Ostdeutschland“.

„Watching this DEFA film is like traveling in a timetunnel“ (2)

Im April 1945 wurden die alten Ufa Studios in Potsdam-Babelsberg und Berlin-Tempelhof von der Roten Armee besetzt. Nach der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht am 7. und 9. Mai desselben Jahres wurden durch das Military Government Law No. 191 weitere Filmproduktionen vorerst verboten. Etwa zwei Monate später wurde das Filmvermögen der Ufa-Film GmbH beschlagnahmt (Military Government Law No. 52) und jegliches Engagement in der Filmbranche unter Lizenz gestellt. (3)

Im Mai 1946 wurde in Potsdam-Babelsberg die Deutsche Film-AG (DEFA) gegründet. Der Leiter des Informationsamtes der SBZ, Oberst Sergej Tjulpanow, überreichte an Karl Hans Bergmann, Hans Klering, Alfred Lindemann, Kurt Maetzig und Willy Schiller die Lizenz für die „Herstellung von Filmen aller Kategorie“, nicht jedoch für deren Vertrieb. Ziel der DEFA war es, „in Deutschland die Demokratie zu restaurieren, die deutschen Köpfe von Faschismus zu befreien und auch zu sozialistischen Bürgern erziehen.“ (4) Zudem sollte die Filmindustrie entnazifiziert werden, also von „reaktionären Elementen und von undemokratischer antihumanistischer Ideologie und deren Protagonisten befreit werden.“ (5)

Melancholischer Antifaschismus

Demzufolge war Antifaschismus ein Sujet, welches den DEFA Film bis zu seinem Ende Anfang der 90er kontinuierlich begleitete. Die DDR präsentierte sich in Abgrenzung zur ‚faschistischen‘ BRD als das andere, ‚antifaschistische‘ Deutschland. Antifaschismus besonders in Form des kommunistischen Widerstands war ein wesentlicher Bestandteil der nationalen Identität. Vor allen Dingen Ende der 50er und Anfang der 60er wurde im Vergleich zu Filmen aus der BRD die NS-Vergangenheit viel stärker thematisiert. Auch gibt es einige Filme, die deutlich jüdische Figuren in den Vordergrund rücken, berichtet der Filmwissenschaftler Tobias Ebbrecht (Potsdam). Zu den bekanntesten antifaschistischen Filmen gehören Frank Beyers Filme ‚Fünf Patronenhülsen‘ (1960) und ‚Nackt unter Wölfen‘ (1963), Konrad Wolfs ‚Ich war neunzehn‘ (1968) und ‚Mama ich lebe‘ (1976) sowie Heiner Carows ‚Die Russen kommen‘ (1968/1987).

Trotzdem sind Kontinuitäten zwischen Ufa und DEFA-Film zu benennen. So wurden DEFA-Filme nicht nur in den Ufa-Studios produziert, auch in der Wahl des Melodramas als Genre, der Opfer-Ästhetik und dem Personal (Regisseure, Kameraleute, Ausstatter, etc.) zeigen sich einige Gemeinsamkeiten zum nationalsozialistischen Ufa-Film, berichtet Sabine Hake (University of Texas at Austin) in ihrem Vortrag. Am bekanntesten ist wohl der Fall des Wolfgang Zeller der nicht nur Filmkomponist von ‚Jud Süß‘ (1940), sondern auch von ‚Ehe im Schatten‘ (1947) ist.

Zwischen Kriegsfilm, Western und Melodrama

Entgegen gängiger Klischees ist ein DEFA-Film weder zwangsläufig schwarz-weiß noch ein Kriegsfilm, so Johannes von Moltke (University of Michigan). Ganz im Gegenteil, das Genre des DEFA-Films reicht von Western wie ‚Die Söhne der großen Bärin‘ (1965) und ‚Apachen‘ (1973), über Science-Fiction à la ‚Der schweigende Stern‘ (1960), bis hin zu Musical- und Revuefilmen wie ‚Heißer Sommer‘ (1968). Selbstverständlich gab es auch Kriegsfilme wie ‚Fünf Patronenhülsen‘ (1960), aber eben nicht nur. Was jedoch alle diese Filme vereint, ist, dass sie von offizieller Seite zuallererst als ein politisches Forum zur Verbreitung der politischen Anschauungen der SED angesehen wurden. Dafür jedoch braucht es kein bestimmtes Genre.

„Hier wird überhaupt nichts verbessert, da könnt ja jeder kommen“ (6)

Im Laufe der knapp 50jährigen Geschichte des DEFA-Films entstanden circa 750 Feature Filme von denen lediglich 20 verboten wurde. Das entspricht etwa drei Prozent, was deutlich weniger ist, als man hätte erwarten können. Hierfür benennt der Filmhistoriker Ralf Schenk (Berlin) im Wesentlichen zwei Gründe: zum einen mussten einige Hürden überwunden werden bis ein Film überhaupt erst einmal gedreht werden konnte, so befand sich das Gros an finanziellen und technischen Mitteln in staatlicher Hand. Zum anderen erlagen viele Regisseure dem vorauseilenden Gehorsam und zensierten sich bzw. ihre Arbeit selbst.

Nach einer anfänglichen kurzen Phase, in der den Filmschaffenden viel Freiheit für die Experimentierfreude zugestanden wurde, entwickelte sich ab 1950 ein Zensursystem in dem fundamentale Kritiken am Realsozialismus nicht erlaubt waren. So war es im Besonderen verboten Polizei, Armee und Bildungssystem zu kritisieren.

1965 verschärfte sich die Situation, Kunst und somit auch der DEFA-Film wurden als Grundlage allen Übels in der DDR angesehen und beispielsweise für die Desillusionierung der Jugend verantwortlich gemacht. Das 11. Plenum des ZK der SED verbot die gesamte Filmproduktion des Jahres 1965. Weder FilmhistorikerInnen und FilmbuchautorInnen noch FilmstudentInnen durften diese – wie auch alle anderen verbotenen Filme – sehen. Es war ihnen zudem nicht gestattet, über sie oder aber über die Zensur zu schreiben. In Folge dessen lernten Filmemacher wie sie sich ausdrücken sollten, was nicht selten in Selbstzensur endete. Viele der verbotenen Filme durften 1990/1991 und damit zu spät für den Realsozialismus beendet und gezeigt werden.

Verboten – aber nicht zerstört

Zerstört wurde jedoch keiner der Filme. Dies lag zum einen daran, dass die DDR auch die Produktion dieser Filme bezahlt hatte. Zum anderen und vor allen Dingen aber galt die Aussage Heinrich Heines, dass „dort wo man Bücher [oder Filme, A.B.] verbrennt, […] man auch am Ende Menschen [verbrennt ]“ (7) nach Auschwitz mehr denn je. Daher verbot es sich für einen antifaschistischen Staat qua Selbstverständnis Kunst zu verbrennen. Und so konnten während der DEFA-Retrospektive auch ehemals verbotene Filme wie ‚Die Spur der Steine‘ (1966) gezeigt werden.

Keiner der Filme lag vor der DEFA-Retro mit Hebräischen Untertiteln vor, sodass diese extra hierfür hergestellt wurden. Dass sich dies mehr als nur gelohnt hat, belegten die gut gefüllten Kinosäle in Haifa, Tel Aviv und Jerusalem. Selbst die englisch- und damit fremdsprachigen Lectures erfreuten sich mit durchschnittlich 60 Besuchern großer Beliebtheit, sodass Julia Anspach und Ralf Dittrich sehr zufrieden mit dem Verlauf der Retrospektive sind. Noch bevor diese vorbei war, fing Ralf Dittrich schon an, das nächste Projekt zu organisieren. Im April und Mai wird es in Deutschland, so auch in Berlin rund um den 60. Jahrestag der Staatsgründung Israels eine Israel-Retrospektive geben. Dann bekommt das deutsche Publikum Gelegenheit, Klassiker des israelischen Kinos der 50er, 60er und 70er Jahre zu entdecken. Es werden zum größeren Teil Filme gezeigt, die man hierzulande bisher kaum zu sehen bekommen hat und für die das Israel-Film-Archive extra von den meisten Filmen neue 35-mm-Kopien anfertigt. Denn die wenigen vorhandenen Kopien sind seit Jahren kaum noch vorführbar.

Mit besten Dank an den Filmwissenschaftler Tobias Ebbrecht für die Geduld und den inhaltlichen Support. Der Artikel erschien bereits in der Januar-Ausgabe der HUch! – Zeitung der studentischen Selbstverwaltung.

Fussnoten
1 Manfred Krug: Auf der Sonnenseite.
2 so Martin Schröter, Kulturattaché der Deutschen Botschaft in Tel Aviv bei der Eröffnungsveranstaltung des Festivals in Haifa.
3 Gegen den Regisseur Veit Harlan wurde Anklage wegen seines antisemitischen Propagandafilms ‚Jud Süß‘ als Verbrechen gegen die Menschlichkeit erhoben. Auch wenn Harlan nach einigem hin und her zwischen Freispruch, Revision und Aufhebung des Freispruches letztendlich vom Landgericht Hamburg im April 1950 freigesprochen wurde, war es das erste Mal, dass eine derartige Anklage geführt wurde.
4 Zitiert nach http://de.wikipedia.org/wiki/DEFA.
5 Zitiert nach ebd.
6 aus dem DEFA-Film ‚Karla‘.
7 Heinrich Heine: Almansor.