Nahostkonflikt „Private“ : Schon wieder ein misslungener Kinofilm zum Nahostkonflikt.

Anna Blume / Mut gegen rechte Gewalt

Dem Erfolg von Filmen wie „Paradise Now“ geschuldet, kommt jetzt die italienische Produktion „Private“ in die deutschen Kinos – mit zweijähriger Verspätung. Aber das Warten hat sich nicht gelohnt.

Die Geschichte ist schnell erzählt: Mohammed B. lebt mit seiner Frau und den vier Kindern im Niemandsland zwischen einem palästinensischen Dorf und einem israelischen Militärstützpunkt. Eines Nachts stürmen israelische Soldaten das Haus, erklären es für „besetzt“ und fordern die Familie zum Verlassen auf. Nachdem diese sich weigert, wird das Haus durch die Soldaten in drei Zonen aufgeteilt. Das Obergeschoss wird zum Militärlager, im Untergeschoss darf sich die Familie tagsüber aufhalten und ins Wohnzimmer wird sie nachts eingesperrt. Es folgt ein 90 minütiger Erguss über den Versuch der Familie trotz „Besatzung“ ein normales Leben zu führen. Kurz nachdem die Soldaten das Haus verlassen um zum nächsten Ort weiter zu ziehen, stürmen andere israelische Soldaten das Haus und besetzen es erneut. Ende.

Dokumentarischer Spielfilm à la „Paradise Now“

Natürlich beruht der Film – wer hätte es auch anders erwartet – auf einer wahren Begebenheit. Um einen Dokumentarfilm soll es sich hierbei aber dennoch nicht handeln, zumindest nach den Aussagen des Regisseurs und Co-Drehbuchautors Saverio Costanzo, der 2004 mit „Private“ seinen ersten Spielfilm drehte. Doch nicht zuletzt durch die Verwendung einer digitalen Handkamera und den langen, ungeschnittenen Einstellungen erhält der Film einen dokumentarischen Anstrich. Also ein „dokumentarischer Spielfilm“ à la Hany Abu-Assad, auch hier gilt: „Was nicht gedacht werden darf, soll nicht gezeigt werden“* und was gedacht wird bzw. werden soll, darf auch gezeigt werden.

Und so wird der Nahostkonflikt mit all seiner Komplexität metaphorisch verkürzt auf einen Konflikt zwischen zwei Parteien (palästinensische Zivilbevölkerung vs. Israelische Soldaten) unter einem Dach herunter gebrochen. Antisemitismus, politischer Islam und Selbstmordattentate finden so gut wie keine Erwähnung, lediglich letzteres kann man anhand einiger Fernsehausschnitte von Islamistischen Fundamentslisten erahnen.

Die europäische Wahrnehmung des Nahostkonfliktes – David (unterdrücktes palästinensisches Volk, in diesem Fall die Familie) gegen Goliat (Israel als Besatzer, in diesem Fall die israelischen Soldaten) – spiegelt sich ähnlich wie bei „Paradise Now“ auch in der Darstellung der einzelnen Figuren wieder.

Dichotome Rollenbilder und antisemitische Klischees

So sind alle Mitglieder der Familie gut, friedlich und lehnen jegliche Form von Gewalt ab. Dies ändert sich bei einigen, aber auch erst durch die israelische „Besatzung“.

Der ältere Sohn will ein Attentat verüben und bringt dabei fast seinen Vater um. Nur in letzter Sekunde kann er die Handgranate wieder sichern. Vor der „Besatzung“ war er ängstlich und verschüchtert. Die Propaganda im palästinensischen Fernsehen ließ ihn kalt. Dies änderte sich erst und auch nur durch die „Besatzung“.

Mariam B., die ältere Tochter – im Übrigen eine selbstbewusste, junge Frau, die im Westen studieren soll und so ganz und gar nicht exemplarisch für Frauen in der islamischen Welt steht – schleicht sich entgegen den Befehlen der Soldaten ins Obergeschoss. Sie führt lange Diskussionen mit ihrem Vater, in denen sie von ihm unter anderem einfordert sich zu wehren und nicht alles gefallen zulassen. Doch der westlich und modern gebildete Mohamed B., plädiert für passiven Widerstand und zitiert Shakespeare.

Lernt man die einzelnen Familienmitglieder von Anfang an gut kennen und erlebt die Geschichte durch ihre Augen, so darf man dies bei den israelischen Soldaten erst, nachdem man durch emotionale Ergüsse zum 7. Familienmitglied geworden ist und sich voll und ganz mit den Palästinensern identifiziert hat. Doch selbst dann werden die Israelis als plan- und ziellos dargestellt, sie wissen nicht, warum sie eigentlich in diesem Haus sind. Nicht zuletzt durch die erneute „Besatzung“ des Hauses durch andere israelische Soldaten, die nichts von ihren Vorgängern wissen, erscheinen sie als inkompetent. Und, als wäre dies nicht genug, wird mit der Zerstörung des in harter Arbeit erbauten Treibhauses der Familie durch einen Soldaten das Klischee der aus langer Weile zerstörten Olivenbäume hervorgekramt. Fehlt nur noch das Kind, welches Steine auf israelische Panzer schmeißt, doch irgendwie wird auch dieses durch den älteren Sohn mit der Handgranate bedient.

Die Wahl des Hauptdarstellers…

… überrascht nach all diesem wohl wenig. Mohamed Bakri ist nach eigenen Aussagen durch die Intifada zum Dokumentarfilmer geworden. 2002 dreht er als Regisseur den umstrittenen Dokumentarfilm „JENIN, JENIN“, der die „Besatzung“ Dschenin aus plästinensischer Sicht zeigt. Erstmals seit 15 Jahren sahen sich die israelische Zensurbehörde gezwungen einen Film zu verbieten.

Ein Schrecken mit Ende?

Glücklicherweise läuft „Private“ so schlecht an, dass er bereits nach der zweiten Woche in einem der drei Berliner Kinos – Eiszeit, Broadway und Hackesche Hoefe – welches ihn zeigte, vom Spielplan genommen wurde. Ein weiteres folgte nur eine Woche später. Bleibt zu hoffen dass diese Entwicklung anhält und er ab nächster Woche zumindest in Berlin nicht mehr gezeigt wird.

* Tobias Ebbrecht, Berliner Lektionen. Quelle: www.typoskript.net

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