„Unauslöschlich wie die eintätowierte Nummer auf dem Arm“ : Rezension von Ewald Hansteins „Meine hundert Leben – Erinnerungen eines deutschen Sinto“

Anna Blume / Mut gegen rechte Gewalt

Ewald Hanstein wurde 1924 in Oels bei Breslau geboren. Er überlebte Auschwitz-Birkenau, Buchenwald, Mittelbau-Dora und die Todesmärsche. Seine Familie hatte nicht soviel Glück. „Als ich in Auschwitz ankam, lebten nur noch drei Geschwister meiner Mutter. Als ich in Buchenwald ankam, hörte ich, daß alle vergast worden waren.“

Seine Erinnerungen hat Ralf Lorenzen aufgezeichnet und 2005 im Bremer Donat Verlag veröffentlicht. Im Mittelpunkt steht dabei der Leidesweg Hansteins durch die nationalsozialistischen Lager, der 1936 mit der Deportation ins „Berlin Marzahn Rastplatz“ begann. Doch auch die Zeit nach 1945 war für Sinte und Roma von Vorurteilen, Diskriminierung und Vertreibung gekennzeichnet. „Der Schrecken verschwand nach 1945 ebenso wenig aus unserem Leben wie die Nazis aus den deutschen Amtsstuben.“

Der Kampf um Entschädigung war langwierig und entwürdigend. „20 Jahre lang habe ich für eine Entschädigung von 530 Mark gekämpft.“ Absurderweise hatte Hanstein damit noch Glück, denn die meisten Anträge auf Entschädigung wurden abgelehnt. Doch Lorenzen beschränkt seine Aufzeichnungen nicht auf „die grauenhaften Nazijahre und deren bis heute reichende Folgen“, denn zu Hansteins Leben gehört mehr als nur passives Opfer zu sein. Dementsprechend beschäftigt sich der letzte Teil des Buches mit Hanstein als jemandem, dem es gelingt, anderen Menschen Mut zu machen und der sich für ihre Rechte einsetzt. In einer Rede reflektiert er: „Die Befreiung von Auschwitz hat die am Leben Gebliebenen davor bewahrt, ermordet zu werden, zu verhungern oder zu erfrieren. Doch von unseren Erfahrungen und Träumen kann uns niemand befreien. Diese sind in unseren Erinnerungen und Träumen brennende Gegenart, unauslöschlich wie die eintätowierte Nummer auf dem Arm.“

Ewald Hanstein: Meine hundert Leben – Erinnerungen eines deutschen Sinto. Aufgezeichnet von Ralf Lorenzen. Mit einem Geleitwort von Henning Scherf. Donat-Verlag Bremen, 2005. 168 Seiten, 12,80 Euro.

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