„Berlin Marzahn Rastplatz“ : Vor 70 Jahren wurde das erste Zwangslager für Sinte und Roma errichtet.

Anna Blume / Mut gegen rechte Gewalt

Im Mai 1936 errichteten die Nationalsozialisten in dem heutigen Berliner Ortsteil Marzahn das erste nationalsozialistische Zwangslager für Sinte und Roma. Es stellt somit eine der ersten Stationen der systematischen Ausgrenzung und Verfolgung dar, die in der Ermordung von 500.000 Sinte und Roma ihren traurigen Höhepunkt fand.

Rechtzeitig zu den Olympischen Spielen im Sommer 1936 in Berlin sollte die Stadt von allen „Schandflecken“ gesäubert sein, um sich als sauber – was soviel hieß wie „zigeunerfrei“ – zu präsentieren. Hierfür errichtete die „städtische Wohlfahrtsverwaltung Berlin“ in Zusammenarbeit mit dem Berliner Polizeipräsidenten auf Höhe des heutigen S-Bahnhof Raoul-Wallenberg-Straße das Sinte und Roma Lager mit dem offiziellen Namen „Berlin Marzahn Rastplatz“.

Auf Grundlage des vom Reichminister Frick erstellte Erlass „Zur Bekämpfung der Zigeunerplage“ vom 5. Juni 1936 vollzog die Berliner Schutzpolizei am 16. Juli eine allgemeine Landesfahndung in Berlin und Umgebung. Bei dieser wurden circa 600 Sinte und Roma in den frühen Morgenstunden mit Lastwagen ins Lager nach Marzahn deportiert. So konnte der „Berliner-Lokal-Anzeiger“ bereits am selben Tag vermelden: „Berlin ohne Zigeuner!“.

Das Leben im Lager

Sowohl die hygienischen Bedingungen als auch die Wohnverhältnisse im Lager waren katastrophal. Zudem gab es auf dem Gelände lediglich zwei Toiletten und drei Wasserstellen, letztere waren im Winter oftmals eingefroren. Dies hatte zahlreiche Erkrankungen wie Diphtherie und Tuberkulose zur Folge.

Obwohl das Lager kaum bewacht und weder von einem Zaun noch einer Mauer umgeben war, gab es aufgrund der hohen Denunziationsbereitschaft in der Bevölkerung kaum Fluchtversuche. Erfolgreich war keiner von ihnen, sie alle endeten in Konzentrations- und Vernichtungslager.

Zwangsarbeit

Alle Sinte und Roma, die das 14. Lebensjahr vollendet hatten, waren verpflichtet Zwangsarbeit zu leisten. Dies geschah unter anderem in einer Kistenfabrik, einer „Norddeutschen Kugellager-Fabrik“ und in einer Wachsfabrik sowie beim Rüstungsbetrieb „Dannemann und Quandt Apparatebau“ und bei der „KnorrBremse AG“.

Doch auch in dem 1940-42 gedrehten Film „Tiefland“ von Leni Riefenstahl mussten 65 Lagerinsassen als Komparsen (spanische Mägde, Knechte und Bauern) mitwirken. Nach der Uraufführung 1954 (!) in Stuttgart wurde der Film bei den Filmfestspielen in Cannes mit dem Publikumspreis ausgezeichnet und ARTE vertrieb den Film 2001 mit dem Vermerk: „bietet beste Unterhaltung in überzeugender Qualität auf VHS und DVD“*.

Auflösung des Lagers

Bis zum 1. März 1943 wurde das Lager aufgelöst und alle Insassen nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Anlass hierfür war der so genannte Auschwitzerlass Heinrich Himmlers vom 16. Dezember 1942. Lediglich zwei Familien fielen diesem Erlass nicht zum Opfer, da sie von den Mitarbeitern der Rassehygienischen Forschungsstelle für weitere ‚Untersuchungen’ benötigt wurden. Sie konnten am 21. April 1945 von der Sowjetarmee befreit werden.

Entschädigung?

In der Nachkriegszeit wurden die meisten Entschädigungsanträge abgelehnt. In anbetracht der Tatsache, dass bei den Gerichtsverfahren dieselben Personen als Zeugen und Gutachter auftraten, die bereits im Nationalsozialismus die Gutachten für die Deportation der Sinte und Roma ausstellten, verwundert dies kaum.

Zudem sah der Bundesgerichtshof bis 1963 eine rassische Verfolgung als Grund für die Deportationen der Sinte und Roma erst mit dem Jahr 1943 als gegeben an. Bis dato wurde sie nicht als „wegen [ihrer] gegen den Nationalsozialismus gerichteten politischen Überzeugung, aus Gründen der Rasse, des Glaubens oder der Weltanschauung […] durch nationalsozialistische Gewaltmaßnahmen verfolgt worden“** angesehen und hatten somit keinen Anspruch auf Entschädigung.

Doch selbst wenn nach 1963 ein Antrag positiv beschieden wurde und die Überlebenden ihre Auszahlung noch erleben – was selten genug der Fall ist – stellt sich die Frage, ob „Entschädigung“ das richtige Wort ist.

* Quelle
** Entschädigungsgesetz der BRD von 1953.

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