Der ewige Antisemit : Hintergründe zur Neuauflage eines Buches

Anna Blume / HUch!

„Der Phantasie sind Grenzen gesetzt, der [antisemitischen, A.B.] Realität nicht.“ (45)* Dementsprechend erschien „Der ewige Antisemit. Über Sinn und Funktion eines beständigen Gefühls“ von Henryk M. Broder Ende letzten Jahres auch nicht in der 2. Auflage, sondern in einer – um zahlreiche Beispiele und ein aktuelles Vorwort ergänzten – Neuauflage.

Als das Buch 1985 veröffentlicht wurde, löste es heftige Kontroversen aus. Schließlich beschrieb Broder nicht, wie von vielen wohl erwartet, den klassischen Antisemitismus der Rechten. „Mich interessiert nicht der Antisemitismus der alten und neuen Nazis.“ (13) Er zog es stattdessen vor, sich dem Antisemitismus im linken Milieu zu widmen. „Die Linke ist mindestens genauso antisemitisch wie die Rechte, nur hat sie dabei ein gutes Gewissen und mich interessierte warum.“** Broder wollte ein Phänomen beschreiben, dass ihn selbst überraschte, er wollte es sich erklären, indem er es anderen erklärt. Dabei entstand „Der ewige Antisemit“.

Aufgrund einer einstweiligen Verfügung musste das Buch 1986 kurzzeitig aus dem Buchhandel genommen werden. Damals klagte der Intendant des Schauspielhauses in Franfurt am Main, Günther Rühle, gegen Broder, den Athenäum Verlag und den Fischer Verlag – es folgte ein Vergleich. Nachdem Broder den Satz, dass Rühle von einem „Ende der Schonzeit für die Juden“ *** gesprochen habe, gegen den Satz, dass Rühle gesagt habe, „daß der Jude nicht ewig in einem Schonbezirk gehalten werden dürfe“ *** austauschte, durfte das Buch wieder verkauft werden. Obwohl Rühle mit ersterem Satz von der TAZ bis zur New York Times zitiert wurde, sah er sich erst durch die Veröffentlichung in Broders Buch, und auch nur dort, daran gestört. Aber, wer möchte auch gern als Antisemit geoutet werden, denn „wer sich heute offen als Antisemit bekennen würde, würde im Nachhinein auch die Verantwortung für Auschwitz übernehmen.“ (67)

Abseits davon hatte Broder weder Probleme dass Buch zu veröffentlichen, so konnte er sich Dank breitem Interesses den Verlag aussuchen, noch waren ihm die Kritiker der bürgerlichen Presse missmutig gestimmt. In den linken Medien hingegen wurde „Der ewige Antisemit“ zerrissen und Broder als „hysterisch“ bezeichnet. Lediglich in der TAZ gab es eine Debatte, in der linker Antisemitismus nicht länger geleugnet wurde.

Auch wenn sich am „Antisemitismus mit seinen beiden ständigen Begleiterinnen, den Fragen: Wo kommt er her? Und: Was kann man gegen ihn tun?“ (8) in den letzten 20 Jahren nicht viel geändert hat, konnte zumindest mit dem Mythos der Linken als per se gutes, revolutionäres Subjekt, dass sich als immun gegen Antisemitismus erweist, in Ansätzen aufgeräumt und für das Problem sensibilisiert werden. Betont sei: in Ansätzen. Noch immer „wird der Antisemitismus, ähnlich wie die Prostitution, in „Sperrbezirke“ abgedrängt, wobei übersehen wird, dass die Kunden, die in diesem Freigehegen bedient werden, aus ganz anderen Milieus kommen und zum größten Teil wohlanständige Bürger sind – was für den Antisemitismus wie für die Prostitution gilt, nur dass die Art der Befriedigung eine andere ist.“ (88)

Von eben jenen wohlanständigen Bürgern und ihren aktuellen antisemitischen Ausbrüchen berichtet Broder anhand zahlreicher Beispiele der letzten 300 Jahre im „Ewigen Antisemiten“ ebenso wie über Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit, wobei erstere fälschlicherweise oftmals als besondere Form letzterer betrachtet wird. Aber auch den Beweis, dass „hinter dem Etikett Antizionismus nur ein zeitgemäß kaschierter Antisemitismus steckt“ (93) bleibt Broder nicht schuldig. Nur eine Frage kann er – wie auch schon so viele vor ihm – nicht beantworten: „Warum Juden verfolgt werden. Warum ausgerechnet und immer wieder die Juden.“ (243)

* Alle Zitate entstammten, soweit nicht anders vermerkert: Henryk M. Broder / Der ewige Antisemit. Über Sinn und Funktion eines beständigen Gefühls. – Berliner Taschenbuchverlag, Juli 2005. Die dem Zitat zugehörige Seitenzahl befindet sich jeweils in Klammern dahinter.
** Henryk M. Broder in einem Telefonat am 28. Dezember 2005.
*** Henryk M. Broder / Günther Rühle, Rentner in Bad Soden. Quelle

Henryk M. Broder / Der ewige Antisemit. Über Sinn und Funktion eines beständigen Gefühls. – Berliner Taschenbuchverlag, Juli 2005. – 320 Seiten, 9,90 Euro.