Kritiklose Medienkompetenz vermitteln – Oder: Was es bei der Bundeszentrale für politische Bildung bedeutet einen Film zu schließen

Anna Blume / Die Jüdische

Israel, 2. August 2001. Der 16 jährige Mohammed Besharat soll sich an diesem Tag in einem Bus in die Luft sprengen. Lediglich einem mutigem Busfahrer ist es zu verdanken, dass er sein Vorhaben nicht in die Tat umsetzen konnte.

Was bringt ein Kind dazu inmitten von Zivilisten, darunter Frauen und Kinder, ein derartiges Attentat zu verüben? Wie kam es zu diesem Tag? Was passierte zuvor?

Eben jenen Fragen geht Esther Schapira in ihrer 60 minütigen Fernsehdokumentation „Der Tag an dem ich ins Paradiese wollte“ nach. Dabei spricht sie nicht nur mit dem jungen Attentäter über seine Beweggründen, sondern auch mit seiner Familie über die Rekrutierungspraxis der Terrororganisationen.

Ganz anders „Paradise Now“. Zwar begleitet dieser „dokumentarische Spielfilm“ [wie ihn sein Regisseur Hany Abu-Assad, um sich jedweder Kritik zu entziehen, stets bezeichnet] zwei potenzielle Attentäter, von denen einer dann zum tatsächlichem wird, auf ihrem Weg zum Anschlag; eine Analyse der Beweggründe, des Märtyrerkult und der islamischen Terrororganisationen bleibt jedoch bewusst außen vor.

Nichtsdestotrotz wählte die Bundeszentrale für politische Bildung (BpB) letzteren Film zur Vermittlung von Medienkompetenz und zur Verbreiterung der audiovisuellen Bildung in der Schule für den Unterricht aus. Sie erstellte ein Begleitheft, das – zu mindestens nach den Worten des Leiter der BpB, Thomas Krüger – den Film erschließen soll. Sowohl für die Auswahl, als auch das Filmheft erntete die BpB von verschiedensten Seiten scharfe Kritik. So auch auf der Veranstaltung „Der Weg ins Paradies: Attentate zwischen Leinwand und Wirklichkeit“ des American Jewish Committees (AJC) und der Heinrich Böll Stiftung im Oktober 2005.

„Das Filmheft hat Mängel“ gestand Thomas Krüger immerhin ein. Allein die Zeittafel zum Nahost-Konflikt enthält mindestens fünf Fehler. So werden unter anderem die im Jahre 2000 seitens der Palästinenser abgebrochenen Verhandlungen in Camp David nicht erwähnt und Ariel Scharons Besuch auf dem Jerusalemer Tempelberg zum Auslöser der II. Intifada gemacht. Nichtsdestotrotz ist Krüger der Meinung, dass das Heft nicht antiisraelisch sei. Für ihn bilde lediglich den Film rational ab und versuche diesen szenisch zu analysieren. Wie ein antiisraelischer und antisemitischer Film rational – bei der BpB heißt dies kritiklos – abgebildet werden soll, ohne dabei jenes ebenfalls zu sein, ist ein vielen Rätsel. So kritisierte Sergej Lagodinsky vom Berliner AJC beispielsweise, dass das Heft den antisemitischen Andeutungen des Films nicht nachgeht und antisemitische Stereotype, wie das der Brunnenvergiftung, als sarkastisches Kommentar abtut.

Esther Schapira bemängelt, dass vieles im Heft nicht erwähnt wird. So werden zwar die Probleme bei den Dreharbeiten in Form eines israelischen Raketenbeschusses thematisiert, die Entführung seitens der Palästinenser jedoch findet keine Erwähnung. Ebenso die Tatsache, dass das Drehbuch vorgelegt werden musste um den Vorwurfs der Verunglimpfung palästinensischer Selbstmordattentäter zu widerlegen. Ihr läuft es eiskalt den Rücken herunter, wenn sie dran denkt, dass dieser Film mit einem derartigen Begleitheft empfohlen wird. Dies besonders in Hinblick auf die erschütternde Unkenntnis über den Nahost-Konflikt bei vielen Schülern und Lehrern sowie dem hoch problematischem Fernsehprogramm voll von antisemitischen Sendungen.

Krüger betonte ritualhaft, dass das Heft ‚lediglich‘ zur Erschließung des Films und dessen grobe thematische Einordnung dienen, sowie Anregung zur Arbeit im Unterricht geben soll. Er verwies auf das weiterführende Materialien der BpB zu Israel. Ohne dieses hier bewerten zu wollen idealisiert Krüger die Berufsgruppe der Lehrer, wenn er annimmt, dass dieser sich zwangsläufig weiter informiere. Dies kritisierte auch Juliane Wetzel vom Berliner Zentrum für Antisemitismusforschung (ZfA). Zudem haben ihre Erfahrungen mit Lehrern in Bezug auf den Nahost-Konflikt gezeigt, dass diese ein gros an antisemitischen Stereotypen besäßen.

Krüger sieht dies ganz anders. Seiner Meinung nach treffe der Film in Deutschland auf einen gesellschaftlichen Grundkonsens in dem Selbstmordattentate ablehnt werden. Zahlreiche repräsentative Studien belegen, dass dies realitätsfern ist. Zudem verharmlosen derartige Einschätzungen die Problematik von Antisemitismus und Antizionismus in Deutschland. Hefte wie das der BpB verschärfen diese dann noch.

Dennoch sind Krügers Ausführungen, das Heft und der Diskurs zu „Paradise now“ irgendwie bezeichnend. Ebenso wie die Tatsache, dass Esther Schapiras Film nicht eine derartige Debatte auslöste und die Bundeszentrale lieber „Paradise now“ als ihn für den Bildungsunterricht auswählte.

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