Tatort: Berlin – Die Berliner Opferberatung Reach Out veranschaulichte Orte rechter Gewalt

Anna Blume / Mut gegen rechte Gewalt

Bis Mitte Oktober wurde im Berliner Abgeordnetenhaus eine überaus nüchterne Fotoausstellung gezeigt. Gezeigt wurden Alltagsorte, die für einige Menschen zu Angsträumen geworden sind – zu Tatorten rechter Gewalt.

10. April 2005: Zwei homosexuelle Männer werden in den frühen Morgenstunden am Nollendorfplatz in Berlin-Schöneberg von vier jungen Männern angegriffen und verletzt. Sie werden mehrfach ins Gesicht geschlagen und als „schwule Säue“ beschimpft. Beide Geschädigte tragen Nasenbeinfrakturen und Prellungen im Gesicht davon. Einer hat zudem ein angebrochenes Kiefergelenk und eine Risswunde an der Stirn.

Szenenwechsel.17. April 2005: Zwei linke Jugendliche werden um circa 4 Uhr morgens im S-Bahnhof Karlshorst [Berlin Lichtenberg] von zehn der rechten Szene zuzuordnenden Männern unvermittelt angegriffen und dabei verletzt. Die Täter schlugen und traten mehrfach mit Springerstiefeln auf die Jugendlichen ein und beleidigen diese als „Antifaschweine“ und „dreckige Zecken“.

Noch einmal Szenenwechsel. 4. Mai 2005: Als ein 22-jähriger kanadischer Tourist, der anhand seiner Kleidung klar als Jude zuerkennen ist, die Ausstellung „Topographie des Terrors“ in der Niederkirchnerstraße verlässt, wird er von einem 35-jährigem aus Tiergarten beleidigt und bespuckt.

Tatorte ohne Opfer

Die Orte sind austauschbar und alltäglich, die dort erlebten Erfahrungen individuell verschieden. Gemein ist ihnen, dass sie von vielen nicht als Räume, in denen rechtsextrem, rassistisch oder antisemitisch motivierte Übergriffe stattfinden, wahrgenommen werden. Dies stellt die Ausstellung „Berliner Tatorte – Dokumente rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt“ durch die Abwesenheit der Opfer auf 60 Tafeln mit Fotographien von Übergriffsorten dar. Erst durch einen kurzen Text, der beschreibt zu welcher Zeit was passierte, erhält der Ort etwas Spezifisches. Maik Schlüter, Kurator der von der Berliner Opferberatung Reach Out initiierten Ausstellung, ist sich bewusst, dass dies den Betrachter irritieren kann, ist er doch sonst spektakuläre und affektive Bilder gewohnt. Dies werde „bewusst ausgespart um gesellschaftliche Wirklichkeit und Alltägliches darzustellen“, erklärt Schlüter.

Reach Out wurde mehrfach angefragt Chroniken von Übergriffen zu erstellen. Diese sollten unter anderem bei Stadtteilfesten ausgestellt werden um auf das Problem des Rechtsextremismus vor Ort aufmerksam zu machen. Doch zu textlastig wirkten sie eher abschreckend, es gelang ihnen kaum ein Gespür für die Situation von Opfern zu vermitteln. Sich dieser Problematik bewusst suchte Reach Out nach anderem Darstellungsmöglichkeiten. Dabei entstand die Idee zur Visualisierung auf Fototafeln, die nun im Rahmen einer Ausstellung bis zum 14. Oktober im Abgeordnetenhaus Berlin besichtigt werden kann.

Eines Tages überflüssig

„Projekte gegen Rechtsextremismus, Ausländerfeindlichkeit und für Toleranz finden im Berliner Abgeordnetenhaus immer einem Raum“, so eröffnete Parlamentspräsident Walter Momper die Ausstellung.. In seiner Rede betonte er, dass rechtsextreme Gewalt überall anzutreffen sei, somit jeden betreffe und dass es wichtig sei nicht wegzusehen, sondern einzugreifen. „Rechtsextremes, fremdenfeindliches und nationalistisches Denken reicht bis in die Mitte der Gesellschaft“, konstatierte Berlins Sozialsenatorin Heidi Knake-Werner und forderte diesbezüglich einen öffentlichen Diskurs. Sie hält Projekte wie Reach Out für unverzichtbar.

Günter Piening, Migrationsbeauftragter der Stadt, bezeichnete den Ansatz von Reach Out als „innovativ“. Der Verein unterstütze nicht nur Opfer durch Beratung, sondern trage durch seine Bildungsarbeit auch zur Sensibilisierung der Bevölkerung hinsichtlich dieser Problematik bei, so Piening. Nach all den – zu recht – positiven Würdigungen äußerte Sabine Seyb von Reach Out nur noch einen Wunsch: Dass ihre Arbeit Tag für Tag ein wenig überflüssiger wird. Dass eines Tages keiner mehr eine Beratung benötigt, da niemand mehr angegriffen oder beleidigt wird.

Berliner Tatorte – Dokumente rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt ; 26. September bis 14. Oktober im Berliner Abgeordnetenhaus ; Niederkirchnerstraße 5, 10117 Berlin ; S-Bahnhof Anhalter Bahnhof, U-/S-Bahnhof Potsdamer Platz. Eine Ausstellung von Reach Out – Opferberatung und Bildung gegen Rechtsextremismus, Antisemitismus und Rassismus.

Weitere Informationen: www.reachoutberlin.de