Mehr Gespür für und Ideen gegen Antisemitismus entwickeln : Projekttage am Runge-Gymnasium in Oranienburg

Anna Blume / Mut gegen rechte Gewalt

Anfang Februar tauschten Schüler der 11. Klasse des Oranienburger Runge-Gymnasiums den Schulalltag gegen Projekttage zum Thema Antisemitismus. Eingeladen vom schulinternen Team des Projektes „Schule ohne Rassismus“ brachten Studierende den Schülern das Thema nah.

Warum das Thema Antisemitismus?

Nach Angaben einer Studie des Institutes für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung Bielefeld zu „Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit“ (2004) mit Schwerpunkten zum Antisemitismus stimmen 21,5% der Deutschen der Aussage zu, dass Juden zuviel Einfluss in Deutschland haben. Weitere 62,2% sind es leid von den deutschen Verbrechen an Juden zu hören und 51,2% setzen die Politik Israels mit der der Nationalsozialisten gleich.

Norman Geißler, Diplom-Psychologe und Projektleiter des siebenköpfigen Teams aus Studierenden der Universität Potsdam, erklärt hierzu: „Antisemitismus existiert in allen Schichten der Bevölkerung, bei allen politischen Einstellungen, d.h. im linken und rechten politischen Spektrum, aber auch in der Mitte der Gesellschaft und bei Menschen mit Migrationshintergrund.“ Und so ist es leider nicht verwunderlich, wenn weitere Studien zeigen, dass unter Jugendlichen das Wort „Jude“ neben „Opfer“ das meist gebrauchte Schimpfwort ist. „Um so wichtiger ist es über Antisemitismus zu informieren und die Bevölkerung dafür zu sensibilisieren“, so Madleen, eine der beiden schulischen Koordinatorinnen des Projektes „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“, über die Intention der Veranstaltung, die sie mit Kollegin Sophie organisiert hat.

Antisemitismus an einer Schule ohne Rassismus?

Seit nun mittlerweile fast drei Jahren trägt das Runge-Gymnasium in Oranienburg den Titel „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“. Als Pate steht ihnen der Leiter des Jüdischen Museums Berlins und Ehrenbürger der Stadt Oranienburg, Prof. Dr. Michael Blumenthal, zur Seite. Trotz der Auszeichnung, die der Titel „Schule ohne Rassismus“ bedeutet, ist sich Sophie bewusst, dass es „gefährlich wäre zu glauben, dass die Schüler und Lehrer aufgrund des Titels oder Schulpaten frei von Rassismus und Antisemitismus sind. Die Schule ist ein Ort in der Gesellschaft wie jeder andere. Auch in ihm existieren antisemitische, rassistische und völkische Denkweisen.“

Umso dankbarer sind sie für die ehrenamtliche Unterstützung der Potsdamer Studierenden, die die Veranstaltung inhaltlich konzipierten und schon des Öfteren an Schulen wie dem Heinrich-von-Kleist Gymnasium in Berlin-Moabit, dem Friedrichgymnasium in Frankfurt / Oder und dem Oberstufenzentrum in Oranienburg durchführten.

Inhalte der Projekttage

Im Verlauf der drei Tage wurden den Schülern die Geschichte des Antisemitismus, des Zionismus und die Entstehung und Entwicklung des Staates Israels sowie Facetten des kulturellen und politischen Lebens von Juden in Deutschland in Kleingruppen mittels der Methode des kooperativen Lernens vermittelt. In Kleingruppen wird dabei das Erfahren von Fakten mit erlebbaren Emotionen verbunden, um vertieftes und selbstreflektiertes Wissen zu erreichen.

Dazu informierten sich die Schüler und Schülerinnen über die unterschiedlichen Formen des Antisemitismus im Nachkriegsdeutschland – sekundären Antisemitismus, Antizionismus, islamistischen Antisemitismus. Zudem suchten die Gruppen nach Strategien gegen antisemitische Äußerungen und Handlungen gesucht.

Schließlich analysierten die Jugendlichen die mediale Berichterstattung über Israel, besonders im Hinblick auf Doublestandards, also Doppelmoral gegenüber Israel im Vergleich mit anderen Ländern. Die Schüler sollten hierbei lernen, Informationen nicht einfach so zu akzeptieren, sondern sie kritisch zu hinterfragen. „Ich denke es ist notwendig nach Adorno zu versuchen ‚die einzig wahre Kraft gegen das Prinzip von Auschwitz […] die Kraft zur Reflexion, zur Selbstbestimmung und zum Nicht – Mitmachen‘ zu stärken“, sagte Geißler.

Den Abschluss bildete der Besuch der Referentin für Öffentlichkeitsarbeit der Israelischen Botschaft. Sie erzählte von ihren alltäglichen Erfahrungen mit Antisemitismus und stellte sich den spannenden und interessierten Fragen der Schüler zu dem komplexen Thema Israel. Die Tatsache, dass sie aus Sicherheitsgründen nicht photographiert werden durfte, spricht für sich.

Resümee

Auch wenn die Elftklässler in den drei Tagen sehr viel mehr als sonst lesen mussten, haben sie doch „selbstständiges Arbeiten und selten soviel Interessantes über Geschichte und Gegenwart des Judentums gelernt“, formuliert Sophie ihr Resümme. Auch Madleen äußerte sich sehr zufrieden über den Verlauf der Projekttage. Gespannt warten sie nun auf die Auswertung der Evaluation, die vor den Projekttagen und danach sowohl Wissensstand als auch Einstellungen der Schüler abfragte.